In Arbeit: Hauswehr/Rugger

    • In Arbeit: Hauswehr/Rugger

      Hallo zusammen,

      hier ist ein Projekt, an dem ich gerade arbeite. Eine Hauswehr bzw wegen der schlanken Spitze ein Rugger aus dem späten 15. Jh. Diese Mischung aus Werkzeug und Waffe (in diesem Fall eindeutig eher Waffe) kommt in unglaublich vielen Formen und Größen vor und es hat mich schon lange gereizt, mal eine handliche Version zu bauen. Klingenlänge ist 26cm.

      So sah die Klinge direkt nach der Wärmebehandlung aus:



      Und so sieht sie nun nach abschliessendem Schleifen am Bandschleifer aus. Bevor ich zur Handpolitur übergehe, müssen noch die Zwingen, der Nagel und die Griffschalen hergestellt werden. Da hab ich etwas besonderes vor, denn eine so schlichte Klinge brauch etwas Flair, um nicht langweilig zu wirken.





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    • Hat was vom kretischen Messer und Messern, die ein Osmane "Kard" nennen könnte. Schön, dass funktionierende Klingen international sind. Und noch schöner, dass diese Klingen, die ich im Ausland so toll finde, auch bei uns in ähnlicher Form vorkamen. :) Danke für das - mir neue - europ. Puzzelstückchen!
      Ein gemeinnütziges Freiwilligenprojekt für Informationen zum historischen Bogenschießen und der Kunst der Daumentechnik.
    • Regnerischer Sonntag und ich habe nichts besseres zu tun, als die Klinge zu polieren. Wäre klüger, damit zu warten, bis die Griffteile fertig sind, aber naja. Muss ich eben aufpassen später und eventuell nochmal überarbeiten, falls ich es verkratze.





      Hier kann man sehen, dass ich den Rücken graduell facettiert habe. Eine einfacher eckiger Querschnitt sieht so plump aus. Mit der Facettierung leitet die Klingenform nahtlos in die Rückschneide über. Sehr viel eleganter...

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    • Inzwischen ist der Rugger beinahe fertig. Es hat mich viele Stunden vorsichtigen Arbeitens gekostet, bis alle Komponenten des Griffs so gut zusammenpassten. Die abgeschrägte Angel macht alles um ein vielfaches schwieriger. Viele Originale dieser Art sind eher grob zusammengebaut und weisen zahllose Lücken, etc auf, aber das muss man ja nicht auch so machen ;)

      Alle Metallteile des Griffs sind aus ca 150 Jahre altem Puddeleisen gefertigt. Dieses Material weist durch den Herstellungsprozess eine schöne Maserstruktur auf. Sie ist mit bloßem Auge bereits erkennbar, meine Kamera schaffte es aber nicht, sie wiederzugeben. Nach dem Ätzen ist das hoffentlich anders. Vermutlich werde ich beim Nagel noch ein wenig Material oben wegnehmen, er scheint auf den Bildern grenzwertig groß.

      Das Holz ist Birne, mit Messingrohr verstiftet, wie es auch bei einigen Originalen zu sehen ist.





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    • Der Rugger (Hauswehr/Bauernwehr) ist fertig, bzw beinahe, da ich noch meine Signatur aufbringen muss. Mein Ätzapparat ist gerade nicht verwendbar.

      Diese Art of Klinge ist typisch für deutsche Gebiete im 15. Jh. und wurde von Soldaten wie auch der Zivilbevölkerung gerne getragen. Ähnlich dem frühmittelalterlichen Sax und auch dem späteren Bowie besitzt die Hauswehr sowohl Waffen- als auch Werkzeugeigenschaften. Welchem Spektrum sie eher zuzuordnen ist, kann von Stück zu Stück unterschiedlich sein. Meine Version ist mit der Rückschneide und der schlanken Spitze mehr Waffe als Werkzeug, erfüllt aber trotzdem problemlos Aufgaben der Holzbearbeitung o.ä.




      Daten:
      Stahl: 80CrV2, vergütet auf 58-60 HRC
      Gesamtlänge: 37cm (14.5“)
      Klingenlänge: 25.5cm (10“)
      Klingenbreite: 3.3cm (1.3“)
      Schwerpunkt: 2cm (0.8“)
      Gewicht: 380g (0.8lbs)



      Die Klinge weist über den Großteil der Länge volle 5.5mm Stärke auf. Erst mit Beginn der Rückschneide verjüngt sie sich zu einer schlanken, doch noch sehr robusten Spitze. Die Schneide ist convex geformt und geht nahtlos in die Klingenflächen über. Der Anschliff ist bis zum Rücken hochgezogen, um trotz der erheblichen Dicke eine schneidfreudig Klinge zu gewährleisten. Die kurze Rückschneide weist naturgemäß einen steileren Winkel auf, ist aber ebenso rasiermesserscharf ausgeschliffen und absolut in der Lage, Schaden anzurichten. Besonders bieten sich dafür Techniken an, die mit der Rückschneide in einer kleinen peitschenden Bewegung aus dem Handgelenk heraus auf die Führhand des Gegners zielen.
      Auch im Stich ermöglicht die beidseitige Schärfe und die für einen Rugger typische schlanke Spitze ein erheblich leichteres Eindringen. Durch ihr geringe Länge und stabilen Querschnitt ist die Klinge absolut steif und es geht im Stich keine Energie durch Klingenbiegung verloren. Ich könnte mir gut vorstellen, dass ein solide ausgeführter Stoß dünnen Gambeson oder vielleicht auch leichte Kette durchstoßen kann. In die Lücken zwischen Platten passt die Klinge jedenfalls ganz ausgezeichnet.




      Eine solche Klinge ohne Hohlkehle oder komplexe Linienführung erscheint leicht etwas langweilig. Um dem Stück deshalb noch das „Gewisse Etwas“ zu geben, habe ich die Zwingen und den Nagel aus mehr als 150 Jahre altem Puddelstahl gefertigt. Das Material ist etwas zickig zu bearbeiten, da es nur sehr heiß geschmiedet werden kann, ohne zu zerbröseln, lässt sich aber gut feilen und zeigt, wenn geäzt, eine schöne Maserstruktur. Ich bin etwas enttäuscht, wie wenig man dies auf den Bildern erkennen kann, da muss einfach eine besser Kamera her. Ich versuche, eine aufzutreiben...

      Wie bei den Originalen geht der Nagel durch Zwingen und die Angel und ist auf der einen Seite vernietet.
      Die Griffschalen sind aus Birnenholz gefertigt und mit Messingrohr verstiftet, was an einigen Originalen ebenfalls zu sehen ist.
      Der Kontrast zwischen der polierten Stahlklinge, dem „rustikalen“ Puddeleisen und dem Holz mit den hellen Messingelementen gibt dem Stück seinen Charm.





      Der Rugger fühlt sich sehr angenehm in der Hand an. Er hat eine positive Klingenpräsenz, ohne jedoch wie eine reine Hiebwaffe daherzukommen und vermittelt ein Gefühl absoluter Verlässlichkeit. Sowohl die Spitze wie auch die Schneide lässt sich problemlos einsetzen, für fechterische wie auch für alle anderen Belange.

      Wie üblich folgt nachher noch ein Einsatz-Video ;)

      Von all den Stücken, die ich bisher gefertigt habe, ist dieser Rugger definitiv eines meiner Favoriten. Rundherum ein sehr befriedigendes Stück Stahl ;)

      Da der Rugger eine passende Scheide verdient, sende ich ihn bald an 3wunder.at. Ich bin kein Fan von Lederarbeit und mir fehlen auch einige Utensilien, die für eine historisch korrekte zweilagige Lederscheide nötig sind. Ich werde Bilder von dem fertigen Gesamtkunstwerk posten, sobald es soweit ist.

      Viele Grüße,
      Lukas


      Mitglied bei den Schwabenfedern Ulm

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    • Ist zwar von der Optik nicht meins, aber eine sehr gute Arbeit.
      Ich glaube mich stört diese einseitige totenkopfförmige Parierstange oder was das sein soll.
      Aber nichtsdestotrotz: Sehr gut gearbeitet, Griffholz: super, schöne form, schön angepasst, die Idee mit dem Puddelstahl: supi, und die Klinge leuchtet wie Stich aus dem Hobbit auf dem ersten Foto. Vielleicht baue ich das mal ohne Totenkopf an der Seite und ohne falsche Schneide als Küchenmesser nach.
      Non vitae sed scolae discimus.

      Ich bin der Wahrscheinlich letzte aus Prinzip freiwillig Handyfreie Jugendliche Deutschlands. 8)

      Comfortzone? Was ist das? Eine italienische Vorspeise? ( Max Green, 2016)
    • EdgarDerSchmied schrieb:

      Ist zwar von der Optik nicht meins, aber eine sehr gute Arbeit.
      Ich glaube mich stört diese einseitige totenkopfförmige Parierstange oder was das sein soll.
      Aber nichtsdestotrotz: Sehr gut gearbeitet, Griffholz: super, schöne form, schön angepasst, die Idee mit dem Puddelstahl: supi, und die Klinge leuchtet wie Stich aus dem Hobbit auf dem ersten Foto. Vielleicht baue ich das mal ohne Totenkopf an der Seite und ohne falsche Schneide als Küchenmesser nach.
      Sorry, hab ich grade erst gesehen. Lol, Totenkopf :D

      Das ist der sog. Nagel. Typisch für Klingen dieser Art, sei es Langes Messer, Hauswehr, etc. Er verhindert, dass eine gegnerische Klinge auf die Knöchel rutscht. Auch wenn bei kürzeren Exemplaren wie diesem hier nicht viel Klingenkontakt, Winden, etc zu erwarten wäre, weisen die allermeisten Originale einen solchen Nagel auf. Nagel gibt es in allen möglichen Formen, dieser hier ist an ein Original aus Horb (glaub ich, hab das Bild irgendwo) angelehnt.
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    • Cool, als EDC zwar etwas groß geraten, aber mit der Scheide dran durchaus tragbar! Ich könnte mir vorstellen, mir das an den Gürtel zu hängen- macht auch mehr her als ein Opinel, und sei es noch so toll modifiziert!
      Der Typ ist ein echt begabter Ledermensch, da will ich doch auch mal hin! :thumbup:
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    • Die Scheide ist fertig und mit Rugger wieder wohlbehalten bei mir angekommen.

      Ich bin mehr als zufrieden. Klasse Arbeit von Adam! Kann ihn wärmstens empfehlen: 3wunder.at

      Der kalte und klare Morgen hat sich für ein paar Bilder geradezu aufgedrängt ;)







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