Historische Blockflöten des 20.Jahrhunderts

    • Die Tage habe ich mal wieder ein interessantes Schnäppchen gemacht. In der Bucht war eine Sopranflöte zum steigern angeboten. Sie soll angeblich aus dem Nachlass einer Konzertpianistin stammen die in den 1950ern in Frankreich und der Schweiz unterwegs war. Da horche ich immer auf, denn ich habe schon öfter aus Nachlässen von Musikern hochinteressantes erworben. Ich stellte fest, dass ich diese Flöte in meiner "Blockflötenbibel" schon gesehen hatte. Die Signatur weist auf einen Händler aus Markneukirchen namens Oswald Bachmann hin, welcher Zupfinstrumente gebaut hat und wie alle damals nebenbei mit Blockflöten gehandelt, da der Blockflötenboom noch ungebrochen war.

      Der Handelsname klingt heutzutage merkwürdig, da dieses Wortspiel eine andere Bedeutung erlangt hat aus unlustigen Gründen, wofür der Händler aber absolut nichts kann. Er ist OSBAMA und ist aus den ersten zwei Buchstaben des Namens und des Ortes zusammen gesetzt. Deutlich prangt er in Großbuchstaben auf der Flöte:



      Dieses Drechselprofil wurde von den Werkstätten nur bis 1935 verwendet und somit kann man diese auf die Anfangszeit des "modernen Blockflötenbaues" datieren, denn erst ab ca. 1926 kam die Produktion richtig in Schwung. Der Blockflötenbauer war bis zur Drucklegung meines Nachschlagewerkes leider nicht genau zu ermitteln, da dieses Profil von einigen Werkstätten verwendet wurde und keine genauen Unterlagen vorhanden sind:



      Bei genauerem hinschauen kann man erkennen, das der Schnabel deutlich dunkler ist und genau dies macht auch die Besonderheit aus. Der größte Teil der Flöte ist aus Cocoboloholz, welches heutzutage als "Unfall des Blockflötenbaues" bezeichnet wird. Wie schon erwähnt, ein Holz welches starke allergische Reaktionen auslösen kann. Da der Klang aber sehr bestechend war, im wahrsten Sinne des Wortes, wollten viele Spieler nicht darauf verzichten und so wurden Möglichkeiten gesucht, wie man es trotzdem bewerkstelligen kann. In diesem Falle wurde ein Mundstück aus Grenadill angefertig, welches passgenau über den Schnabel geschoben wurde und damit verbunden. Damit war zumindest der Mund des Spielers geschützt:



      Selbst der Windkanal ist noch hauchfein aus Cocobolo ausgebildet und nur ein dünner Überzug aus Grenadill ist hier zu sehen. Der Block ist hier schon entfernt, da ich das Innenleben auch studieren wollte und auch immer nach "Hinterlassenschaften" der Vorgänger schaue. Diese hier war vorbildlich gepfelgt, juhu... :D
      Bei einem Blick ins Innenleben des Kopfes kann man dann sehr gut erkennen, dass das Grenadillstück erst etwa in der Mitte des Windkanals beginnt:



      Somit wurde festgelegt, dass man tatsächlich eine Cocoboloflöte hatte, nur mit einem "etwas" modifiziertem Schnabel. Andere Flötenbauer probierten dasselbe auch noch mit Elfenbein oder Kunststoff, aber letztendlich setzte sich dieses Holz nicht durch. Mit Ausbruch des Krieges wurde es für die Flötenbauer sowieso immer schwieriger an exotische Hölzer zu gelangen und man setzte dann verstärkt auf einheimisches Holz.

      Klanglich ist diese Blockflöte sehr präzise und kräftig im Ton über mehr als zwei Oktaven, ein wunderbares Instrument... ^^
      Meinen Glauben habe ich verloren.
      Mein Wissen habe ich gefunden.
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    • Diese Woche bekam ich eine für mich sehr interessante Tenorflöte. Sie ist in doppeltem Sinne historisch. Gebaut wurde sie um 1935 von der Werkstatt Ludwig Kehr, welcher auch für den Erfinder der deutschen Griffweise, Peter Harlan die meisten Blockflöten baute.

      Dieses Modell entwickelte Kehr nach einer Vorlage von Harlan, in dessen Besitz sich eine Altflöte befand aus dem 18. Jahrhundert. In dem Buch von Peter Thalheimer: "Die Blockflöte in Deutschland 1920-1945 S. 509" kann man auch Bilder dieser Flöte sehen. Sie ist mit einer Krone und dem Namen "Osnabrück" signiert und stammt sehr wahrscheinlich von dem Flötenbauer Engelbert Terton (1676-1752). Ein Original von Terton befindet sich im Gemeentemuseum Den Haag, aber davon habe ich bis jetzt leider noch kein Bild gefunden. Aber der Blockflötenbauer Jan Hermans aus Belgien hat vor einiger Zeit einen Nachbau als Sopran anfertigen dürfen welchen man bei ihm auch kaufen kann. Tertons Original hat als Brandstempel auch eine Krone über seinem Namen und darunter einen Löwenkopf.

      Kehr hat dieses Modell von Sopranino bis zum Bass nachgebaut. Die ersten Nachbauten entstanden um 1929 und nach dem Krieg wurde dieses Modell auch noch weiterentwickelt und gebaut, aber wohl nicht mehr so aufwendig wie diese Modelle. Auch gab es welche mit barocker Bohrung, welche unter dem Namen "Bachflöte" verkauft wurden und die "empfindsame Flöte", oder auch "Luxusflöte", aber äusserlich war sie genau baugleich. Der oben angegebene Nachbau von Hermans hat auch die barocke Bohrung der Bachflöte.

      Da es über diese Blockflöten recht gute Unterlagen gibt, welche man in Thalheimers Buch nachlesen kann und die ganze Blockflötenfamilie dort auch abgebildet ist, habe ich meine auch gut einsortieren können. Genau dieses Modell ist dort in Alt zu sehen. Hier nun meine Tenorflöte:



      Es ist eine sehr feine Arbeit, in Ahorn und Grenadill gehalten. Sie hat auch einen gebogenen Windkanal, ist sehr weit mensuriert und für einen Tenor mit gerade mal 63,5 cm relativ klein.

      Ich habe nicht schlecht gestaunt beim auspacken, denn die Flöte war noch wie neu und ziemlich sicher unbespielt, was schon einmal an sich eine kleine Sensation war. Dieses Modell wurde unter dem Namen "empfindsame Flöte" verkauft, welcher irgendwie auch zu ihr passt, denn sie ist mit wenig Luft zu spielen und man überbläst sie leicht. Sie ist auch recht zart im Klang und die tiefsten Töne muss man beinahe nur hauchen, was recht gewöhnungsbedürftig ist und bestimmt nicht jederman zusagen würde.
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