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Erkennen eines brettchengewebten Gürtels auf Abbildung

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    • Erkennen eines brettchengewebten Gürtels auf Abbildung

      Hallo zusammen,

      ich möchte mir für meine bäuerliche Darstellung um 1180 einen Gürtel weben.
      Dabei möchte ich natürlich kein Fantasiemuster wählen und habe im Fécamp-Psalter eine wunderschöne Abbildung gefunden: (art.wga.hu/html/zgothic/miniat…200/4fecamp/08fecamp.html ). Die Handschrift stammt aus dem Jahr 1180, wie schön, zwar aus der Normandie, aber nagut.

      Nun habe ich allerdings hier im Forum und auch anderswo mehrfach gelesen, dass das Brettchenweben im angehenden Hochmittelalter etwas aus der Mode kam, zumindest die verschiedenen Muster nicht mehr so verbreitet waren.
      Ist denn der auf meiner Abbildung dargestellte Gürtel überhaupt brettchengewebt?
      Woran könnte ich das erkennen?
      Ich dachte immer, sobald solche Muster auf einem recht schmalen Stück Stoff zu sehen sind, wird es wohl brettchengewebt sein :rolleyes:

      Viele Grüße
      Leona
    • Es könnte durchaus auch punziertes Leder sein. Du wirst den Unterschied an einer Bildmalerei nicht erkennen können, da Du hier nur Muster siehst. Vielleicht ist der Stoff auch einfach nur bedruckt, im 12. Jh. gab es in Dt. auch schon bedrucktes Leinen.

      Brettchenweben gab es sicherlich auch nach dem Hochmittelalter noch, jedoch sind die Funde, die erhalten sind, eher broschiert. Wir reden hier aber auch mehr über Funde aus der Adels- oder Klerikerschicht. Das einfache Volk wird möglicherweise fleissig weiter brettchen- oder kammgewebt haben, da es die einfachste Methode war, aus farbigen Wollfäden ein schönes Muster zu bekommen. Nur - hiervon sind keine Grabfunde erhalten, deshalb verschwinden sie aus den Quellen.
      Mein Lebensmotto: "Maxime peccantes, quia nihil peccare conantur" - Wer nicht zu sündigen wagt, begeht die grösste Sünde. - Erasmus von Rotterdam

      Mara auf Facebook: facebook.com/profile.php?id=100008173720536
    • Das Problem fängt ja schon bei der Quellenkritik an:

      - Ist das Muster nicht nur eine Erfindung des Illuminators? Die gute Dame hat ja auch ein Muster am Oberschenkel
      - Ist das überhaupt eine einfache Frau? Oder ein angesehene biblische Gestalt die bessere Kleidung "trägt" als der Szene zuzuordenbar wäre?

      Dann gibt es bis ins Spätmittelalter hinein zwar Gürtel in Brettchenwebtechnik (und erhaltene Stücke z.B. im Metropolitan Museum), die sind allerdings alle broschiert und mit vergoldeten Beschlägen versehen und somit ebenfalls nicht aussagekräftig für eine einfache Darstellung

      Natürlich kann man mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass man weiterhin Bänder gewebt hat (mit welcher Technik auch immer) und sie auch als Gürtel verwendet hat (wer auch immer, wann auch immer, wo auch immer) .. NUR ... belegen kann man es halt nicht! Und schon gar nicht anhand von Abbildungen!

      Da bleibt dann nur die großzügige Interpretation von Bildquellen und Textquellen und das Bewusstsein, das man eben in der Grauzone agiert. Ist nicht schlimm, das machen auch die Besten so, nur geben es die auf Nachfrage halt hoffentlich offen zu :D
      Mitglied der IG MiM Österreich und der IG14 , mit Blog vertreten unter "Neues aus der Gotik"
    • Niklas Girdler schrieb:

      Die gute Dame hat ja auch ein Muster am Oberschenkel


      Danke, das hatte ich noch gar nicht gesehen. Beim ersten Wegschauen habe ich das für Faltenwurf gehalten. Spannend ist die Dame schon, da sie 1. keine Schuhe trägt und 2. barhäuptig ist. Also junges unverheiratetes Mädchen aus armem Hause? Dagegen spricht aber z. Bsp. die Farbe des Kleides, oder wie aufwändig und teuer sind Waid-Färbungen? Ich habe bisher nur Indigofärbungen gemacht und diese waren damals doch recht kostspielig.

      Dass es Brettchenborte damals noch gegeben haben muss, zeigt ja das Bild aus der Manesse (um 1300): gewebte-baender.de/fuss-Dateien/manesse.jpg (Quelle: gewebte-baender.de/fuss.html)
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      Mara auf Facebook: facebook.com/profile.php?id=100008173720536
    • Hui, das Muster am Oberschenkel hab ich auch komplett übersehen. Das ist schon ein wenig seltsam...

      Dass die Dame interessant ist, finde ich auch. Nur habe ich leider keine Möglichkeit zu wissen, ob der Illuminator wirklich arg fantasievoll war, oder wirklich ärmere, unverheiratete Mädchen mit waidgefärbtem Kleid barfüßig bei der Ernte geholfen haben ... Als Kommentar zu dem Bild konnte ich bisher immer nur finden, dass es die Ernte im August zeigen soll. Also ist zumindest schon mal unwahrscheinlich, dass sie irgendeine spezielle Figur darstellt.

      Danke auf jeden Fall für das Bild aus dem Codex Manesse, das ist hübsch :)

      Dann werde ich mal weiter drüber nachgrübeln, ob ich's mache oder nicht. Hach ja...


      Ach ja:

      Mara schrieb:

      Dagegen spricht aber z. Bsp. die Farbe des Kleides, oder wie aufwändig und teuer sind Waid-Färbungen? Ich habe bisher nur Indigofärbungen gemacht und diese waren damals doch recht kostspielig.
      Waidfärbung ist auf jeden Fall günstiger gewesen, als Indigofärbung, da Waid eine einheimische Pflanze ist. Allerdings ist die Herstellung von "färbefähigem" Waid recht aufwendig. Es erfordert eine lange Trocknungszeit und mehrere Gärungen. Die Färbung selbst ähnelt dann der bei Indigo (Färberwaid heißt übrigens auch Waidindigo), es ist auch eine Küpenfärbung. So weit zumindest die Theorie, habe es nie selbst versucht, aber bei Eberhard Prinz ist's ganz nett erklärt.
    • Das Bild aus der Manesse ist spannend - weil Brettchen und ein Webkamm gleichzeitig abgebildet sind. Ob das funktioniert und sinnvoll ist?! Oder ob der Künstler zwei Sachen in einem Bild zusammengefaßt hat?
      Glaube mir, denn ich habe es erfahren, du wirst mehr in den Wäldern finden, als in den Büchern,
      Bäume und Steine werden dich lehren, was du von keinem Lehrmeister hörst.

      Bernhard von Clairvaux
    • Das Manesse-Bild macht technisch irgendwie keinen Sinn.
      Die Weberin müsste den Schussfaden ja HINTER dem Kamm eintragen, sonst würde er ja gar nicht beim Gewebe ankommen. Je nachdem, wie die Fäden durch Schlitze und Löcher laufen, würden aber auch die durch die Brettchen geöffneten Fächer "zerstört".
      Sicher hat der Maler schon mal Webkamm und Brettchen gesehen und wollte jetzt halt beides gleichzeitig einbauen.
      Zumal ja das Webschwert auch so aussieht, als könne man es 1a zum Haareschneiden bei dem Kerl vor ihr nutzen! ;)
      "It is no bad thing to celebrate a simple life."
      (Bilbo Baggins)
    • Katharina di Mauro schrieb:

      Zumal ja das Webschwert auch so aussieht, als könne man es 1a zum Haareschneiden bei dem Kerl vor ihr nutzen! ;)


      Tja, was ich immer sagte: Frauen waren halt auch im Mittelalter schon multitaskingfähig.

      Wobei für mich bei genauerem Hinsehen die Szene eher folgendermaßen aussieht:

      Sie ist gerade ganz nett am Weben und mit ihrer Freundin am quatschen. Plötzlich kommt er und greift ihr schamlos unters Kleid. Daraufhin nimmt sie das Webschwert und schon hat er eine Tonsur. Er könnte froh sein, dass sie nicht tiefer angesetzt hat, sonst sänge er danach im Knabenchor!

      Genau genommen ist die Manesse sicherlich auch nichts anderes als die Foto-Love-Story in der Bravo! 8o
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      Mara auf Facebook: facebook.com/profile.php?id=100008173720536
    • Mara schrieb:

      Genau genommen ist die Manesse sicherlich auch nichts anderes als die Foto-Love-Story in der Bravo! 8o
      Der war gut!

      Ich kenne Leute, die beim Brettchenweben tatsächlich einen Kamm hinter den Brettchen benutzen, damit die Kettfäden sich (bei Wollgarn) nicht so verfilzen, da hat er aber nur den Zweck eines Abstandhalters und wird webtechnisch nicht eingesetzt.
      Glaube mir, denn ich habe es erfahren, du wirst mehr in den Wäldern finden, als in den Büchern,
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      Bernhard von Clairvaux
    • Hmmmm...die Idee hat was, sollte ich vielleicht mal ausprobieren.....die mit dem Webkamm meine ich, nicht die mit dem Webschwert. :D

      Aber bei dem Manesse-Brettchenweb-Bild denke ich auch, der Illustrator wird mal von weitem jemanden beim Brettchenweben gesehen und dann aus dem Gedächtnis was gemalt haben.
      Wer Geist hat, hat sicher auch das rechte Wort, aber wer Worte hat, hat darum noch nicht notwendig Geist. (Konfuzius)