Mittelalterlicher Schiffbau

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Hier einmal ein kleines Beispiel, das die allgemeine Unwissenheit über den mittelalterlichen Schiffbau gut illustriert. Und es ist nicht irgendeins der üblichen Infotainment-Geschichtsmagazine, das hier einen Aufmacher speziell über Koggen bringt, sondern das publizistische Zentralorgan der "Deutschen Gesellschaft für Schiffahrts- und Marinegeschichte e.V.", von der man eigentlich erwarten sollte, das es dem interessierten Leser keine zweimastigen Koggen präsentiert, wie hier im Vordergrund zu sehen...: http://schiff-classic.de/ausgabe/05-16-die-koggen-der-hanse (SCHIFF Classic Ausgabe 5/2016) Bei den rechts abgebildeten Schiffen könnte es sich übrigens um Hulke handeln, während links hinten eher knorrenähnliche Schiffchen nach Art der Wikinger abgebildet sind. Die hier zu sehenden "Topnanten", Taue, die von den Rah-Enden zum Masttop bzw. unter den Mastkorb führen, waren damals allerdings noch nicht bekannt. Aber so ist das nun mal bei der Historienmalerei, daß immer irgendetwas hinzuphantasiert wird, um die Bildchen interessanter zu machen... :-(
 
.../...Die hier zu sehenden "Topnanten", Taue, die von den Rah-Enden zum Masttop bzw. unter den Mastkorb führen, waren damals allerdings noch nicht bekannt. Aber so ist das nun mal bei der Historienmalerei, daß immer irgendetwas hinzuphantasiert wird .../...
Ooooh ja...daß Thema Takelung / Takelage... :D :D Da gibt es wohl hin und wieder mal auch ganz gerne massive Dispute unter den Modellbaueinsteigern und den alten Hasen, ähnlich wie in den Gewandungsthemen... ;) ^^ LG Halfdan Horntrinker
 
Schiffsmodellbauer würde ich eher in ernsthaft Geschichtsinteressierte und die große Masse der oberflächlichen Bastler einteilen, die sich lieber an den fehlerhaften Bauanleitungen ihrer Bausätze orientieren als selbst zu recherchieren. Oder gar selbst zu rekonstruieren wie Wolfram zu Mondfeld und vielleicht ein bis zwei Dutzend Andere in diesem Land. Dabei gibt´s gerade auf diesem Gebiet noch viel zu entdecken und zu erforschen. :) Takelungsfehler sind aber weniger tragisch als einer generell einmastigen Kogge einen zweiten Mast auf dem Heckkastell hinzuzudichten. Oder einen offensichtlichen Holk als Kogge auszugeben wie das DTM in Berlin, dessen Abteilungsleiterin des Bereichs Schiffbau tatsächlich erst mal googeln müsste, was eine Kogge charakterisiert, das bisher aber leider unterlassen hat. :-(
 
Hier mal etwas zum Bildungsauftrag der Öffentlich Rechtlichen...: Quelle: http://www.planet-wissen.de/geschichte/mittelalter/hanse/pwiediekogge100.html Ein paar Auszüge: "Koggen waren nur beschwert seetüchtig, das heißt, wenn sie mit Lasten oder Ballast beladen waren." Dazu ist zu sagen, daß jedes Segelschiff "nur beschwert seetüchtig ist, nicht nur die Kogge. Ausgenommen sind natürlich große Boote, wie die der Wikinger... "Die Kogge war ein Einmaster und unterhalb der Mastspitze mit einem Ausguck versehen, einem sogenannten Krähennest." Einmaster, stimmt! Und weiter unten folgt dann diese Abbildung eines offensichtlichen späteren Holks mit dem Titel "An Bord der Kogge" An Bord der Kogge
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"Hinten (achtern) war sie mit einer Plattform, dem Achternkastell, ausgerüstet. Auch vorne, am Bug, hatte die Kogge manchmal ein Kastell (Bugkastell)." Tja, das kommt davon, wenn man die Bremerhavener "Rekonstruktion" ihrer Bremer Kogge von 1380 für bare Münze nimmt, welche ein riesiges Achterkastell, aber kein Bugkastell zeigt. Ganz einfach, weil dieses zum Zeitpunkt des Verlusts des halbfertigen Schiffes noch nicht gezimmert war, wobei der Vordersteven für ein solches dimensioniert und vorbereitet war. Alle relevanten Siegel- und sonstigen Abbildungen zeigen jedenfalls Koggen ohne oder welche mit Kastellen. Koggen nur mit Heckkastell befahren dagegen erst seit dem Ende des 20. Jahrhunderts die Nord- und Ostsee. "Die Kogge war ein reines breites Transportschiff und besaß kaum Kiel." Eher eine flache Kielplanke, das stimmt. Die nötige Stabilität garantierte bei diesem Schiffstyp auch der massive Innenkiel, das "Kielschwein". Aber man unterschied in Nordeuropa noch nicht in Transport- und Kriegsschiffe. Die Kogge war beides, zumal wenn sie mit wehrhaften Kastellen versehen war, hinter deren mannshohen Zinnen sich Bogenschützen positionieren konnten. "Sie war mit einem großen Segel, dem Rahsegel, ausgestattet. Allerdings war man sehr eingeschränkt in der Navigation: Man konnte nur mit dem Wind und nie dagegen fahren. Die Kogge konnte also nicht kreuzen. Dadurch, dass sie keinen Kiel hatte, konnte sie auch nicht den Kurs gegen den Wind durchs Wasser schneiden. Sie wurde dann wie eine Wanne vom Wind über die Wasseroberfläche geschoben." Natürlich konnten Koggen kreuzen. Das beweisen nicht nur die Kieler Koggensiegelabbildung aus dem 14. Jhdt. sondern auch die Versuche mit diversen Koggennachbauten. Mit diesem Schiffen konnte man also tatsächlich Am-Wind-Kurse fahren und somit gegen den Wind kreuzen. Die beklagte Luvgierigkeit etwa des Kieler Koggennachbaus liesse sich übrigens durch die Anbringung eines Bugkastells beheben, aber dagegen steht wieder einmal die falsche Autoritätsgläubigkeit der Betreiber. Die originale Bauruine der Bremer Kogge hatte noch kein Bugkastell, also wird man ein solches auch niemals installieren. :) Daß das Schiff "keinen Kiel hatte", ist natürlich etwas ungünstig für den Lateralplan (den seitlichen Wasserwiderstand). Allerdings weist der Rumpf selbst genügend Fläche auf, um der seitlichen Abdrift entgegenzuwirken. Vor allem vorn und achtern - die geraden Steven machen´s möglich... "Schiffsbauer waren im Mittelalter hoch spezialisierte und gefragte Techniker. Dennoch war das Bauverfahren der Kogge im Vergleich zu anderen Schiffstypen der damaligen Zeit eher einfach." Das kann ich nun überhaupt nicht nachvollziehen. Koggen waren nicht weniger kompliziert zu bauen als andere Schiffe auch. Aber wie dem auch immer sei, glaube nie einem Journalisten. Schon gar nicht, wenn er sich auf das dünne Eis des mittelalterlichen Schiffbaus begibt. ß´)
 
An diesem Modell, gebaut nach der Koggenabbildung des Elbinger Siegels von 1350, lässt sich erkennen, daß Koggen durchaus sehr komplexe Konstruktionen waren und tatsächlich auch einen einigermaßen schnittigen Rumpf hatten, der das Kreuzen ohne weiteres erlaubte. Der Arbeitskreis Historischer Schiffbau besteht seit den 60er Jahren und gilt als international renommierte Vereinigung zur Erforschung der Schiffbaugeschichte. Wobei sich der maßstabsgerechte Modellbau als optimale Methode anbietet, längst untergegangene schiffsarchitektonische Konstruktionen wieder erfahrbar zu machen. Quelle: http://www.arbeitskreis-historischer-schiffbau.de/mitglieder/modelle/kogge-1350/
 
Die Doku ist zwar schon etwas älter (in zweierlei Hinsicht, weil nicht MA), paßt aber trotzdem, wie ich finde, sehr schön in das Threadthema Schiff- bzw. Bootsbau... Sendezeit der Doku auf Phoenix Heute, Mo. 20.03.2017; 18.30 Uhr... http://www.phoenix.de/content/phoenix/die_sendungen/1125990 Gezeigt wird u.a. der Bau eines Lastenbootes / Kahnes (genähte Planken) nach Fundlage (allerdings NICHT aus der Stonehenge-Erbauerzeit !), sowie das beladen und fahren selbigens mit einem Blaustein, wie er in Stonehenge verwendet wurde. LG Halfdan Horntrinker
 
Danke für den Tip! Aber ich werd´s mir erst mal ansehen, bevor ich über die damaligen Möglichkeiten des Schwerlasttransports spekuliere. Fakt ist ja, daß die Ägypter noch schwerere Obeliske auf dem Nil transportierten, das war allerdings eine ganz andere Kultur. Obwohl, auch die Ägypter "vernähten" die Planken ihrer Boote und Schiffe. :)
 
Danke für den Link! Bin aber nur noch selten hier, weil woanders mehr los ist. Meine Holk-Rekonstruktion macht jedenfalls Fortschritte und wenn sie fertig ist, werde ich meine schwimmende Burg auch einmal vorstellen. :) Aber die folgende Textpassage würde ich doch als einigermaßen abenteuerlich einschätzen... "Schiffe mit kraweeler Rumpfbeplankung stellten die Spitze der Schiffbaukunst dar. Dagegen galten Halbkraweele als prätentiös. Durch die kraweele Bauweise oberhalb der Wasserlinie sollten die Klinkerkonstruktionen, die von Zeitgenossen als altmodisch wahrgenommen und mit der ländlich-bäuerlichen Küstenschifffahrt assoziiert wurden, aufgewertet werden." Keine Ahnung, was daran "prätentiös" sein soll. Und natürlich hatte sich der Kraweelbau spätestens Ende des 15. Jahrhunderts in Nordeuropa durchgesetzt, war also schon längst die Norm und nicht die "Spitze". Zudem besteht die Möglichkeit, daß wir hier noch einen späten Vertreter des Koggentyps vor uns haben mit koggentypischem kraweelem Flach (Boden) und anschließender "reverse planking", wobei die nächsthöheren Plankengänge binnenbords statt außen befestigt werden. Eine Bauweise, die mangels archäologischer Funde bisher oft angezweifelt wurde und die mein Modell zufälligerweise aufweist. Ne sehr interessante Angelegenheit also, dieser Fund. Ich werde der Sache nachgehen... Grüße zurück! Eddie :)
 
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Um diesen doch interessanten Thread mal wieder aus der Versenkung zu holen...: Hier etwas, bei dem sämtlichen Wiki-Darstellern mit handwerklicher Begabung (inklusive mir) eigentlich die Finger zu jucken anfangen und der Speichel aus dem Mundwinkel tropfen sollte... : Bestellformular / Anforderung für Baupläne, Zeichnungen und Bilder des Gislinge Bootes... Soweit ich das verstanden habe, veröffentlicht unter common rights licenses, d.h. kostenfrei... Halt nur mit der Zusicherung, wenn gebaut wird, dann auch Dokumentieren, eigene Einflüsse und Änderungen und die Gründe dafür anzeigen... https://www.vikingeskibsmuseet.dk/e...gislingeboat-2016/order-the-working-drawings/ Quelle : ursprünglich auf fb gefunden, Vikingskibs Museet Roskilde LG Halfdan Horntrinker
 
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Wann ist bei dir Kiellegung, oder wolltest du nur darauf hinweisen :!: :?: Bin ja selbst kein Holzwurm, guck mir sowas aber gerne an[/size] ^^
 
Wann ist bei dir Kiellegung, oder wolltest du nur darauf hinweisen :!: :?: Bin ja selbst kein Holzwurm, guck mir sowas aber gerne an[/size] ^^
Geduld, Geduld... ^^ ^^ Irgendwann werde ich das sicherlich mal angehen :D :schock2 , aber momentan muß ich mir / uns (...weil die Frouwe muß da ja auch grundsätzlich mit einverstanden sein und mitmachen... ;) ^^ ) erstmal ein paar entsprechend räumliche und finanzielle Grundlagen dafür schaffen... :thumbup: :thumbsup: LG Halfdan Horntrinker
 
Datei:Friezen_vallen_de_toren_van_Damiate_aan.jpg
Hallo zusammen, Kennt jemand ein Modell, Rekonstruktion oder entsprechende Literatur zu den Schiffen, mit denen die Friesen zu den Kreuzügen gefahren sind?
 
:eek:ff2 Hallo Broetchen, es wäre schön wenn Du dich erst einmal vorstellen würdest dann wird auch die Resonaz auf Deine Frage größer werden. ;)
 
Hmmm. Das sieht sehr idealisiert interpretiert aus. Als ob jemand, der nur Binnenschiffe kennt, das entsprechende Schriftstück illustriert hat. Von der Form her würde ich auf ein Binsen-Bündel Boot mit Holzturm tippen. wenn man aber eine frühe Kogge wie die "Ubena von Bremen"nimmt und die Verkleidung des Achterkastells weglässt kommt eine ähnliche Form raus.
 
Da Vor- und Achtersteven rund sind sind, gehe ich eher von einer frühen Holk oder einer Nef aus. Die Friesen haben eine maßgebliche Rolle bei der Belagerung von Damietta gespielt. Da wäre es naheliegender, dass sie mit Koggen daran teilnahmen. Ob der Zeichner überhaupt die unterschildlichen Schiffssiluetten kannte bzw ob er Wert darauf gelegt hat, der Nachwelt die Feinheiten der maritimen Konstruktionsmerkmale näher zu bringen, ist fraglich. Mir fehlen halt entsprechende Quellen, um Kontextbezogen die von den Friesen für die Kreuzzüge im 13Jhd benutzten Schiffe definieren zu können.
 

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