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Wadenwickel vs. Beinlinge, ca. 1250 franko-normannisch

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    • Wadenwickel vs. Beinlinge, ca. 1250 franko-normannisch

      Hallo zusammen!

      Kurze Frage zu einer Franko-normannischen Söldner-Darstellung um 1250 ^^ :

      Was war zeitgemäß(er):
      Beinlinge und (Halb)Schuhe oder Halb-/einfache Schuhe und Wadenwickel, oder hielt sich der "normannische Einschlag" und man kann beide Varianten als zeitgemäß betrachten (bliebe also dem Geschmack des einzelnen Darstellers überlassen).
      Insbesondere je nach Witterung wäre eine Kombination durchaus denkbar.

      Danke!
    • Welche Ausgabe des Sachsenspiegels meinst Du? Ohne so ein Bild gesehen zu haben ist das schwer zu beurteilen.

      Wenn Du die Querstriche auf den Beinen des Hirten auf diesem Bild hier: mittelaltergazette.de/mag/wp-c…t-zweites-buch-hirten.jpg (Quelle: mittelaltergazette.de) meinst, das sieht mir eher nach einer Schuhschnürung aus als nach Wadenwickeln, da die Striche nicht die gesamte Wade bedecken sonder nur etwas oberhalb des Knöchelbereichs gehen.

      Die Illustration stammt übrigens aus einer Sachsenspiegel-Ausgabe von Anfang des 14. Jhdt.
      Wer Geist hat, hat sicher auch das rechte Wort, aber wer Worte hat, hat darum noch nicht notwendig Geist. (Konfuzius)
    • Das Bild würde mich auch interessieren und der Sachsenspiegel ist immer mit Vorsicht zu betrachten. Es ist ein Rechtsbuch und zeigt in der Kleidung auch die Zusammengehörigkeit von Leuten.
      Wäre nur eine Religion in der Welt, so würde sie stolz und zügellos despotisch sein.
      (Friedrich der Große)

      Lis und Hermann
      Lisabeth und Hermann - Reiseerlebnisse
    • Was du im Sachsenspiegel an (Mehr)- farbigkeit und Streifen sfindest ist vor allem dazu gedacht die einzelnen Personen im Handlungsstrang zu verdeutlichen. Als Beleg für Kleidung ist der Sachsenspiegel in jeder Ausgabe die ich kenne quasi untauglich.

      Katharina de Lo schrieb:

      Wenn Du die Querstriche auf den Beinen des Hirten auf diesem Bild hier: mittelaltergazette.de/mag/wp-c…t-zweites-buch-hirten.jpg (Quelle: mittelaltergazette.de) meinst, das sieht mir eher nach einer Schuhschnürung aus als nach Wadenwickeln, da die Striche nicht die gesamte Wade bedecken sonder nur etwas oberhalb des Knöchelbereichs gehen.

      Die Illustration stammt übrigens aus einer Sachsenspiegel-Ausgabe von Anfang des 14. Jhdt.
      Das sieht für mich nach dem Heidelberger Sachsenspiegel aus, die Uni Bib gibt den auch mit Anfang 14. Jhd an, ich habe aber in der Reprint Ausgabe die ich daheim habe meine ich eine andere Datierung ?( ?( ?(

      Muss ich nochmal nachlesen, ich hatte den auch auf "um 1250" datiert im Kopf.

      Nikolaus schrieb:

      Und das sind Beinlinge mit Fußteil.
      Mit Steg geht meine ich auch (z.B. Rutland Psalter 1260 England) da hatte @Manuela mal Bilder
    • Beinwickel um 1250 ist nicht ganz meine Zeit.
      Aber ich kenne den von @Wolfram von der Oerz verlinkten Bericht auch schon länger und habe daraufhin für meine ländliche Darstellung Ende des 12ten auch in dieser Richtung recherchiert.
      Der Sachsenspiegel auf den hier jetzt mehrfach verwiesen worden ist, ist der sog. "Heidelberger". Er ist nach meiner Kenntnis um 1300 geschrieben worden. In ihm werden die sächsischen Bauern mit diesen weißen, durch schmale schwarze Querstreifen unterbrochenen, unteren Wadenbereiche gekennzeichnet. Nur aus dieser Quelle auf Wadenbinden zu schließen hielte ich auch für gewagt.
      Aber es gibt da z.B. noch das Goslarer Evangeliar (1240, Fol 10v). In diesem ist einer der Heiligen 3 Könige mit Wadenbinden dargestellt.

      images.google.de/imgres?imgurl…oM&ei=shV_WJHwDouvswHUwbD
      Quelle: adeva.com

      Auch im ArenbergpsaIter (Hildesheim / um 1230-1240) ist ein Mann, der jemanden mit einem Speer tötet mit weißen Wickeln um die Unterschenkel abgebildet.
      Leider kein Online Bild gefunden. Ich habe es aus dem Katalog "Heinrich der Löwe und seine Zeit", der mir jetzt beim Schreiben leider nicht vorliegt..
      Im Zusammenhang mit diesen Bildern könnte man die Bauerkleidung aus dem Heidelberger Sachsenspiegel in Richtung von Wadenbinden interpretieren. Auffallend an allen 3 betrachteten Quellen ist die Farbe und die Länge der Wickel. Sie sind alle weiß und gehen nur bis zur Hälfte des Unterschenkels. Eine solche Trageweise funktioniert, ich trage sie so.
      Außerdem hätte ich da noch:
      Die Hirtenszene aus dem Winchester Psalter (engl. 1150-75) (leider kein Link zur Hand)
      Die Drei heiligen Könige aus dem Facimile des Hortus Deliciarum 1818/ Ende12Jh (1175 oder kurz danach)-

      commons.m.wikimedia.org/wiki/F…ar,_Caspar,_Melchior).jpg.
      Quelle: Wikimedia

      Die Schräg gestreiften Bein(ling)e der Slawen / Wenden im Sachsenspiegel weisen eher auf diagonal zum Faden lauf zugeschnittene Beinlinge hin.

      Wie immer bei bildlichen Darstellungen weiß man natürlich nicht inwieweit sie ältere Bilder tradieren.
      Im Kopf Geschichtsnah
      In der Praxis eher GroMi
      Letztes Viertel 12tes Jh.
      Tippfehler? Ich schreibe meist vom Mobiltelefon
    • Ok erst mal, vielen Dank so weit.

      Hat mir schon enorm weitergeholfen und meine "Befürchtung" bestätigt.
      Hatte mich schon irgendwie an meine Wadenwickel gewöhnt.
      Wobei aus rein praktischen Erwägungen nichts dagegensprechen dürfte, an richtig kalten Tagen die Beinlinge um Wadenwickel zu ergänzen.

      Danke für die sachliche Hilfe, man ist da ja einiges gewohnt in der MA-Szene. Dieses Forum macht auf mich einen sehr netten, sachlichen und kompetenten Eindruck.
    • Da hier alle nur von Beinlingen mit Fußteil sprechen möchte ich darauf hinweisen das es auch einige Bildbelege für Beinlinge mit Steg gibt.

      pin.it/6l86CXz
      Psalter aus Belgien Mitte 13 Jhd. Quelle: Pinterest.com

      pin.it/vvm_q8N
      Rutland Psalter ca. 1260. Quelle: Pinterest.com

      Funde erhaltener Originale mit Steg kenne ich nicht, nur mit Fußteil.
      Pinterest Alben: https://de.pinterest.com/adalbert_sch/
      Website: https://www.adalbert-shouster.com
    • Thorkell Ivarsson schrieb:

      Wadenwickel finde ich jetzt nicht so verrückt.
      Hosen mit Schlag sind auch nicht soo verrückt, die waren in meiner Teenagerzeit schwer angesagt, aber geh heute mal damit auf die Straße.

      Mit kritisch sehen, meine ich, so lange das der einzige Beleg ist, würde ich den außer Acht lassen. Wenn die seit 100 Jahren out waren (eher mehr), dann sind das etwa 3 Generationen in denen man das nicht getragen hat. Das Wickelgamaschen später wieder auftauchen ist nicht unwahrscheinlich, schließlich gab es Hosen mit Popo auch schon in der Eisenzeit, im Hochmittelalter verschwinden sie und tauchen ab Spätmittelalter wieder auf.
      Wenn man die heiligen drei Könige über die Epochen hin betrachtet, kommt da einiges an Exotik zusammen und stimmt, wirklich ausgefallen sind Beinwickel nicht. Zumindest nicht für uns, aus unserem heutigen Blickwinkel.
      Neue Seite mit Blog : zeitensprung-handweberei.de
    • Moin,

      also Hose mit Schlag ist immer noch "in" und wird auch von der Jugend getragen aber eben neben vielen anderen Stilen. Nicht mehr so einseitig wie zu unserer Zeit. ;-))

      Was mich immer bei der Quellendebatte zum Nachdenken bringt ist, das wir bei den Nachweisen meist von den Personen reden, die representativ waren.
      Abbildungen und Gräber zeigen leider sehr selten die Durchschnittsbevölkerung. Somit sind es immer wieder Spekulationen was, wann, wo in welchen Farben etc. getragen wurde.
      Wir wissen aber das es wohl bestimmte "Modetrends" in unterschiedlichen Regionen, Volksstämmen und Schichten gab. Wie weit sind dann Rückschlüsse überhaupt möglich ohne vom "A" zu weit weg zu kommen?
      Warum darf man nicht annehmen das Beinwickel sich länger bei der einfachen Bevölkerung und auf der "Insel" egal aus welchen Gründen länger gehalten haben? Darf man immer den Schluss ziehen das die einfache Bevökerung immer dem Trend Ihrer Führungspersöhnlichkeiten gefolgt ist?
      Wie lange hat es denn gedauert bis sich der Trend verbreitet und sich die Bevölkerung vom alt hergebrachten getrennt hat, bei einer von Hause aus konservativen Einstellung?


      Also AGA 78 wenn du es "A" haben möchtest dann versuche ein mittelalterliches Vorbild zu finden und stelle nur die Person mit den zu ihr gehörenden Gegenständen dar. Alles andere sind spekulationen bzw. ein "grauer Bereich" in dem sich viele tummeln.

      Sehe ich das jetzt zu eng?