Baumwollpapier - ein Mythos

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    • Baumwollpapier - ein Mythos

      Unsere Euroscheine bestehen aus Papier, welches vor allem aus den Fasern der Baumwolle hergestellt wird.
      Manche(r) ist der Meinung dass auch schon im Hohen Mittelalter Papier so hergestellt wurde.
      Vor allem durch entsprechende Bezeichnungen machte das die Runde.
      Allerdings ist das nicht ganz richtig.

      Im Internet habe ich einen schönen Artikel gefunden welcher der Sache auf den Grund geht.
      Quelle ist hauptsächlich
      Maureen Fennell Mazzaoui

      The Italian Cotton Industry in the Later Middle Ages 1100 – 1600
      Cambridge University Press 1981.

      Auf besagter hp ist die Verwendung von Fachartikeln erlaubt, deshalb bringe ich hier als Gesamtzitat gleich alles (Original ist in englisch).



      "Unter den Aufzeichnungen der frühen Geschichte der Baumwolle finden sich Berichte über Papier aus Baumwolle im frühen Mittelalter wiederholt und scheinen auf den ersten Blick hinreichend authentifiziert zu sein. Alte Aufzeichnungen beziehen sich oft auf "charta bombycina, de bambagine" und sogar auf "charta cuttunea"; das sind alles Begriffe, die ab dem zwölften Jahrhundert in Europa immer wieder vorkommen. Das erste Dokument dieser Art findet sich in einem sizilianischen Dokument aus dem Jahr 1145, in dem das Material zweier Diplome aus den Jahren 1102 und 1112 als Baumwolle beschrieben wird. Nach einem Bericht von 1321 erhielten die Kaufleute von Pisa eine Kopie ihrer Urkunde, die auf charta de bambace geschrieben wurde; wir können daher annehmen, dass dieser Begriff inzwischen allgemein geworden war und dass er jede Art von Schreibmaterial abdeckte, außer Papyrus und Pergament.

      Weder persische noch arabische Schriften enthalten irgendeine Erwähnung von Papier aus Baumwolle; wenn es bekannt gewesen wäre, wäre es höchst unwahrscheinlich, dass wir keinen Hinweis auf das Material dort finden würden. Trotzdem behaupten italienische Gelehrte immer noch, dass Papier aus Baumwolle in Italien erfunden und verwendet wurde. Sie beanspruchen die Kenntnis einer Fabrik, die im zwölften Jahrhundert von einer Familie namens Simon in Sizilien zur Herstellung von Baumwollpapier errichtet wurde.

      Dies ist nicht mehr und nicht weniger als eine altehrwürdige Legende, die auf einer falschen Interpretation einer Passage in Pirris "Sicilia Sacra" beruht, in der Dokumente erwähnt werden, die sich auf Simon beziehen, den Bruder von König Roger von Sizilien. Tatsache ist, dass bis heute kein einziger Papierbogen entweder rohe oder gesponnene Baumwolle enthält. Das meiste, was man sagen kann, ist, dass Baumwolle im zwölften Jahrhundert in Italien bekannt war, und dass eine bestimmte Art von Papier gemacht worden sein könnte, die vielleicht wie Baumwolle aussah und sich anfühlte. Marco Polo berichtet, dass "Carta sicut Bambace" in China aus dem Bast der Papiermaulbeere hergestellt wurde und der flämische Reisende William von Rubruk, der von 1253-1255 nach Asien reiste, Berichte von chinesischem Baumwollgeld nach Europa brachte.

      Auf diese Weise könnte das Wort Baumwollpapier als Mittel zur Charakterisierung des Erscheinungsbildes des Papiers üblich geworden sein, aber nicht als Hinweis auf das Material, aus dem es hergestellt wurde.

      In Wirklichkeit wurden alle diese frühen Dokumente auf Büttenpapier geschrieben, das wahrscheinlich im achten Jahrhundert von den Arabern erfunden wurde. Als die Araber 704 Samarkand eroberten, sollen chinesische Kriegsgefangene sie in der Kunst der Herstellung von echtem, also gefilztem Papier, unterwiesen haben. Während die Chinesen eine dicke weisse Masse aus den Fasern der Papiermaulbeere verwendeten, stellten die Araber Papier aus Leinen- und Hanffasern her. Das frühe Zentrum der Papierherstellung war Samarkand, und es dauerte nicht lange, bis auch die Fabriken von Bagdad berühmt wurden. Die Industrie entwickelte sich auch in Magog, die wahrscheinlich ihren alten Namen von Bambyce, der "Stadt der Baumwolle", zu Papier brachte, als sich die neue Industrie nach Damaskus ausbreitete. Von dort aus folgte die Papierherstellung dem Islam nach Spanien, wo sie Ende des 9. Jahrhunderts zu blühen begann. Man kann mit Sicherheit annehmen, dass Italien seit dem zwölften Jahrhundert mit der Papierherstellung vertraut war und dass es auf italienischem Boden eine hoch entwickelte Industrie gab. Ein Bericht von 1276 bezieht sich auf die Papierfabrik eines Herstellers aus Fabriano in Bologna. Die erhaltenen Exemplare sind von sehr feiner Textur und ausgezeichneter Qualität, obwohl die Geschichte von Baumwollpapier nicht mehr anerkannt wird.

      El. W."

      Aus: elizabethancostume.net/index.html

      Fakt ist, Papier wurde im Hochmittelalter sehr sehr häufig verwendet. Man findet es vor allem in der Bürokratie, in Form von Handelsverträgen, Zolllisten, in der Buchhaltung von Kaufleuten usw.
      Hier ein Beispiel:

      Dieser Handelsvertrag datiert vom 17. November 1186, ist auf Papier geschrieben. Höhe 28 cm, Breite 19 cm. Natürlich geht es darin um den Handel mit "fustagno", also Barchent oder einem anderen Baumwollprodukt.

      (Quelle: Archivio di Stato di Genova, Notai antichi, cartolare n.2, attribuito a Lanfranco ed altri, c. 116v, atto del notaio Oberto Scriba de Mercato)
      Lieber eine starke Behauptung als ein schwacher Beweis!