Teppichwoche 26.05. - 03.06.2018 im Kloster in 29342 Wienhausen

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    • Teppichwoche 26.05. - 03.06.2018 im Kloster in 29342 Wienhausen

      Teppichwoche 26.05. – 03.06.2018 im Kloster in29342 Wienhausen

      Das Kloster Wienhausen wurde nach der Chronikum 1225 von der verwitweten Celler Herzogin Agnes von Landsberg, einer Schwiegertochter Heinrichs des Löwen als Zisterzienserinnen-Kloster gegründet. Seit der Reformation im 16. Jahrhundert lebt im Kloster ein evangelischer Konvent mit heute 12 Konventualinnen u. einer Äbtissin. Die Klosterordnungverpflichtet sie, die Kunstschätze der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

      Jedes Jahr ab Samstag nach Pfingsten ist sogenannte Teppichwoche im Kloster Wienhausen. Gezeigt werden die gestickten gotischen Wandteppiche aus dem 13. – 16. Jahrhundert. Die persönlichen Führungen durch das Kloster mit seinen mittelalterlichen Räumen, Truhen, dem ausgemalten Nonnenchor und der im ehemaligen Winterrefektorium untergebrachten Wandteppiche finden an Werktagen alle 30 min in der der Zeit von 11 bis 16 Uhr (Sonntags ab 12 Uhr) statt. Sie dauern 1,5 Stunden u. kosten 8 €.

      Etwas gruselig war die Erklärung, daß keine der Frauen das Kloster wieder verlassen hat und heute noch Knochen im großen Innenhof ruhen. Weil über die Jahrhunderte die Zweit- u. Drittbestattungen übereinander nicht mehr zu verantworten waren, werden heute dort keine Beisetzungen mehr vorgenommen.

      Hochinteressant war auch das sogenannte Heilige Grab – ein aus dem Spätmittelalter stammender Holzschrein mit aufwändiger Bemalung, in dem ein weitaus älterer, bemalter hölzerner Christus-Leichnahm ruht. Wie das gesamte Kloster mit seiner Ausmalung im Nonnenchor behandelt auch das Heilige Grab die Ostergeschichte um Tod und Auferstehung. Kopf u. Füße der Figur sind hohl u. enthielten früher Reliquien. Zu Ostern wurde sogar eine Klappe unter der liegenden Statue geöffnet, so daß das leere Grab als Beleg der Auferstehung zu sehen war – quasi das Feeling der Jünger Jesu vor 2000 Jahren neu aufgelegt. Sehr kreativ!

      Leider war die schöne Marienstatue (ebenso wie einige andere Exponate) für die Jubiläumsausstellung im Landesmuseum Hannover ausgeliehen u. durch einen Papp-Aufsteller im Kreuzgang ersetzt worden. Wenn die Besichtigung vollständig sein soll, muß sie entweder ein andermal wiederholt oder das Museum in Hannover besucht werden.

      Die riesigen, vollständig ausgestickten Teppiche waren quasi ein Comic ihrer Zeit und erzählen in Bildern (Heiligen-)Geschichten. Leider haben die Jahrhunderte ihre Spuren hinterlassen: Auf zahlreichen Figuren sind die Gesichter „leer“, weil sie mit einer schwarzen Wolle gestickt waren, die wegen der benutzten Chemikalien zerbröselt sind.

      Wenn die Teppiche nicht mehr in die Räumeoder für die Benutzung paßten, sind sie damals einfach zerschnitten oder neu zusammengefügt worden… Barbarisch! So würde heute niemand mehr mit den Handarbeiten, an denen zahlreiche fleißige Frauen sicher jahrelang gearbeitet haben, umgehen. Aber zu ihrer Zeit waren die Teppiche eben Gebrauchsgegenstände.

      Außerdem wurden sie modern „restauriert“ - m. E. nicht immer passend. So zeigen z.B. der Propheten-Teppich und das Fürstenpaarelaken (beide datiert ins 13. Jh) das Wappen des Schaumburger Nesselblattes in seiner modernen Ausprägung, die es im 13. Jahrhundert noch gar nicht gab. Welche Stellen wie und wann „nachgebessert“ wurden, ist nicht immer so gut dokumentiert bzw. untersucht wie beim Elisabeth-Teppich. Ich hatte den Eindruck, daß einige der Teppiche vielleicht etwas später entstanden sein könnten, als sie offiziell datiert sind – ausgehend von der dargestellten Kleidung wie z.B. Eichenzaddeln, tief sitzendem Dupsing und fast schon obszön kurzen Rockschößen der Männer-Wämser.

      Neben den Teppichen werden auch einzelne Funde aus dem Nonnenchor gezeigt, wie ein winziger, seidener Reliquienbeutel, verschiedene Altarbehänge u. Fragmente. Die Stücke stammen „aus dem Leben“; sie waren unter den dicken Eichenbohlen des Chorgestühls verborgen und hatten sich dort im Staub der Jahrhunderte gesammelt, bevor sie bei einer baulichen Änderung geborgen wurden.

      Leider reichten die 1,5 Stunden der zugegebener Maßen fachkundigen Kombi-Führung für Kloster & Teppiche zeitlich bei weitem nicht aus. Wir flogen an der alten Truhensammlung und den ehemaligen Klosterzellen nur so vorbei. Für einzelne Exponate der Teppichsammlung hätte ich für Muster und Details sehr gern mehr (individuelle) Zeit gehabt. Zudem wares sehr schummrig im Refektorium, um die pflanzengefärbten Wollfäden zu schonen. Details außerhalb des Lichtkegels der Taschenlampe der Museumsführerin waren daher kaum auszumachen. – Wirklich schade, dieses „fast visiting“!

      Im Klosterlädchen gibt es Literatur für 2,50 € bis 6 € pro Heft. Leider sind insbesondere die Abbildungen der Teppiche für meine Wissbegier zu klein und oberflächlich… Stick-Stiche oder Einzelheitensind nicht zu erkennen. Es wurde mehr Wert auf den optischen, bildhaften Gesamteindruck gelegt. Da gibt es noch jede Menge fotografisches Potenzial für fachliche Veröffentlichungen!Fotografieren u. Filmen ist im Kloster übrigens nicht erlaubt. (War auch nicht anders zu erwarten.)

      Der Ausflug hat sich trotz der Einschränkungen gelohnt. Das Schmankerl zum Schluß waren eine geschnitzte Frontstollentruhe mit floralen Motiven u. ein mannshoher Schrank (!) mit großen, geschnitzten Türen, beide angeblich aus dem 13. Jahrhundert im Raum der (modernen) Stickereien.

      Das Kloster bietet auch Stickkurse für 220 € (Kursgebühr,Unterkunft u. Verpflegung im Kloster) an, um den sogenannten Klosterstich zu erlernen, eine Art der Anlegetechnik, nur daß die Fäden nicht lose aufliegen, bevor sie überfangen werden, sondern auf den Flächen parallel gespannt sind. Im Gegensatz zum Bayeux-Stich werden die Flächen vollständig ausgestickt u. die gespannten Fäden werden enger und häufiger überfangen. Die Kurse beginnen Donnerstag u. enden Sonntag. Teilnehmende bringen Motiv u. Material selber mit u. können in dieser Zeit eine 12 x 12 cm große Fläche besticken… Wenn ich für den doch Preis freien Zugang u.a. zu den historischen Teppiche hätte, würde es mich schon reizen!
      Der Überlieferung nach durchtrennte Alexander der Große den Gordischen Knoten mit dem Schwert. Wer kein Schwert benutzen will, muß mit dem Knoten leben oder sich etwas anderes ausdenken.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Raginhild ()

    • Wir waren vor 3 jahre mal dort.

      Was ich gruselig fand, das zum teil den leuten vorher die Kameras abgenommen wurden und die da wirklich akribisch drauf achten, das man ja keine Fotos macht.

      Ich habe mich nach der Führung mit einer netten Dame unterhalten und ihr erklärt was ich mache und ihr Bilder meiner Arbeit gezeigt.... Danach nahm sie mich mit in Katakomben wo man so nicht einfach hinkommt. Fotos durfte ich keine machen, aber mir Sachen etwas genauer ansehen.

      Den stickkurs wollte ich gerne machen, es kam mein Kind dazwischen ;)

      Ansonsten sehr interessant dieses Kloster ;)
      Toleranz ist die Erkenntniss, dass es keinen Sinn macht sich aufzuregen
    • Wir sind auch schon mehrfach dagewesen, aber auf Kameras untersucht hat uns noch nie jemand... :) Die Gruppen sind jetzt auch nicht so groß dass die Führerin das nicht mitbekommen und verhindern könnte wenn jemand fotografieren will.

      Ein Besuch da lohnt sich auf jeden Fall, und wer sich für die Truhen und sonstigen Möbel mehr interessiert kann auch eine spezielle Führung zu dem Thema buchen. Näheres dazu findet sich hier: kloster-wienhausen.de/besucher…ffnungszeiten.15.0.0.html
      Wer Geist hat, hat sicher auch das rechte Wort, aber wer Worte hat, hat darum noch nicht notwendig Geist. (Konfuzius)
    • Katakomben?! 8o Nicht der Allgemeinheit zugängliche Räume?! Eine Privatführung?! Das klingt aufregend, Schwester Amalia! Was gab es zu sehen? *neugierig* und schade, daß Du das Seminar nicht gemacht hast. Aber Du hattest einen guten Grund :)

      Leider sind die speziellen Möbel-Führungen zu anderen Terminen, Katharina. Wenn die Chance am gleichen Tag gewesen wäre... das hätte ich sofort gemacht. Tja, war es nicht, ich dafür früh wieder zu Hause.
      Der Überlieferung nach durchtrennte Alexander der Große den Gordischen Knoten mit dem Schwert. Wer kein Schwert benutzen will, muß mit dem Knoten leben oder sich etwas anderes ausdenken.