Hosen reißen immer im Schritt

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Hosen reißen immer im Schritt

      Ich als Bubi bin ja eher auf Metall gepolt, Textil ist nicht so mein Ding.
      Daher eine Frage an die Damen:

      Seit ich nun schon im MA-Geschäft bin, habe ich immer wieder dasselbe Problem. Alle Hosen, die ich bisher hatte, neigen dazu, im Schritt, also genau zwischen der Falte am Allerwertersten und dem Gemächt, zu reißen, wenn ich kampfbedingt mal kurzzeitig sehr tief und breitbeinig stehe ("so tief, dass die Gürtelenden den Boden berühren!" hat der alte Karatetrainer immer gesagt. Aber je länger der Gürtel um so hinderlicher baumelt er ansonsten rum). Meist reißt der Stoff direkt an der Naht.
      Es ist nur bedingt befriedigend, wenn man zwar siegreich aus dem Kampf geht, aber die Hose klafft. Entwürdigend, das, gar nicht gut für das zarte Ego kleiner Panzerreiter.

      Man könnte das Problem sicherlich umgehen, wenn man eine an Hintern und Oberschenkel sehr weit geschnittene Hose nehmen würde, allein die Abbildungen für meine Zeit lassen das nicht zu. Die liegen alle eher wie eine klassische moderne Hose an.

      Frage:
      Wie könnte man das Problem lösen?
    • Hosen sind wirklich schwierig, aus den von Dir genannten Gründen. Schneider technisch anspruchsvoll und hoch belastet.
      Du musst jetzt stark sein : Bilder lügen.
      Ich glaube nicht das alle Herren damals Knackarsch getragen haben

      Ein paar Tricks gibt es aber schon : diagonal zur Webkante geschnittene Stoffe sind querelastisch und damit dehnbarer. Ein Köperbindiger Stoff ist elastischer als ein Leinwandbindiger.

      Bei den Eisenzeitlichen Hosen in Norddeutschland sind besondere Sticharten nachgewiesen, da mändert sich der Nähfaden durchs Gewebe und ist wie eine Dehnungsfuge gearbeitet. Unter Belastung klafft die Naht ein wenig aus, um sich in Ruhestellung wieder zu schließen.
      Guck bitte mal auf meinem Blog habe ich dazu Bilder, musst ein wenig scrollen zu "die elastische Naht"
      zeitensprung-handweberei.de/20…st-nicht-gleich-handnaht/
      (Quelle mein Blog auf https://www.zeitensprung-handweberei.de/ )

      Schaut man sich in der heute noch getragenen Trachtenmode um (ich meine jetzt nicht Landhausmode, oder Oktoberfest Gewandung) sieht man meist Hosen die rund um Gesäß und Schritt alle eine gewisse Bewegungsfreiheit haben. Man muss da sicherlich von den heutigen Stoff verschwendenden eng anliegenden Hosenschnitten mit Stretch weg denken. Um Deine vorhandenen Hosen zu retten könnte man Zwickel einarbeiten. Da gibt es keinen Beleg zu, aber es gibt auch kaum erhaltene Hosen.

      Evtl. liegt hier der Grund dafür, warum man die zusammenhängende Hose für einige Zeit aufgibt ?
      Hier lohnt auch ein Blick über den Tellerrand : bei den indigenen Völkern tauchen auch immer wieder mal Beinlinge auf.
      Neue Seite : zeitensprung-handweberei.de
      Pinterest : https://www.pinterest.de/zeitens/
    • Silvia schrieb:

      Evtl. liegt hier der Grund dafür, warum man die zusammenhängende Hose für einige Zeit aufgibt ?
      Kann durchaus sein. Allerdings ist mir das in Bärnau nun bei der Bruche passiert. :ups
      Ich werde mir nun einfach damit behelfen noch etwas Stoff einzufügen, um die Belastung aus der Region zu nehmen. Man wirkt auf dem Schlachtfeld doch recht unentspannt, wenn man immer überlegen muss, wie man sich hinstellt und Dinge aufhebt um die Misere nicht auch noch zu verschlimmern.
      "Helfen, Wehren, Heilen"
    • Was für eine Bruche war das denn? Mein Liebster läuft mit dem Thursfield-Schnitt rum, da kommt es kostruktionsbedingt eigentlich nicht zu diesem Problem. Der Purrucker-Schnitt scheint eher dazu zu neigen.

      Da ich zeittechnisch weitgehend in der Bruchenzeit verortet bin kann ich zum FrüMi-Hosenthema jetzt leider nichts beisteuern, lese aber interessiert mit. Was mir zu dem Thema einfallen würde hat Silvia schon besser geschrieben als ich es gekonnt hätte.
      Wer Geist hat, hat sicher auch das rechte Wort, aber wer Worte hat, hat darum noch nicht notwendig Geist. (Konfuzius)
    • Naturgegeben kann ich zum Thema Hosen nur aus zweiter Hand ;) etwas sagen. Den Jungs im Verein ist beim Training meist nicht die Naht selber, sondern so wie schon beschrieben der Stoff an anderen Stellen gerissen - oft weil das Gewebe selber den Belastungen nicht standhielt oder einfach brüchig geworden war.

      Wenn es neben der Naht reißt, sind dehnbare Naht u. diagonales Zuschneiden vielleicht ein Teil der Abhilfe - aber ohne mehr "Bewegungsfreiheit" (sprich Weite zum Mindern der ansetzenden Zugkräfte) wird das allein nicht ausreichen. Allenfalls gut aufgesetzte Flicken auf den Riß oder doppelte Stofflagen an entscheidenden Stellen werden m. E. dagegen helfen.

      :off1 Wer bei Übung oder Vorführung nähkundige Personen dabei hat, kann kleinere Malheure "am lebenden Objekt" flicken lassen :whistling:
      Der Überlieferung nach durchtrennte Alexander der Große den Gordischen Knoten mit dem Schwert. Wer kein Schwert benutzen will, muß mit dem Knoten leben oder sich etwas anderes ausdenken.
    • @ Panzerreiter was für Hosen hast Du überhaupt ?

      Die Damendorfhose aus dem Norden wird als Reithose beschrieben, sie ist am Bein ziemlich eng anliegend, hat eben diese elastische Naht nachgewiesen aber einen Hängehintern. Was ja Sinn macht auf einem Pferd sitzend. Auf den Abbildungen von den Psaltern Deiner Wunschzeit sieht man immer figurbetonte Beine, der Hintern wird immer von Tuniken, Mänteln und Schutzkleidung verdeckt, das könnte also passen.
      Die Reiterfrau (gefunden in der Türkei, Datierung weiß ich gerade nicht) trug ebenfalls eine enge Hose und auch in Skjoldehamn sind enge Hosenbeine erhalten. Enge Hosen waren also lange üblich. Die Belege für Pluderhosen sind da schon spärlicher.

      Geflickte Kleidung findet sich ebenfalls recht oft. Immer aufgesetzte Flicken, Stopflöcher sind mir keine bekannt. Und was mir noch einfällt, wenn der Stoff neben der Naht reißt, hat man die falsche Naht gewählt. Kappnaht für dehnbare Stoffe an Stellen die viel Zug aushalten müssen, ist die ganz falsche Nahtart. Eine Naht ist schnell repariert, ein Loch im Stoff ein Ärgernis.
      Neue Seite : zeitensprung-handweberei.de
      Pinterest : https://www.pinterest.de/zeitens/
    • Da ich auch in der Bruchenzeit einsortiert bin mache ich mal eine Querreflektion aus dem Spätbarock/Rokoko:
      Die Kniehosen in der Zeit sind um die Oberschenkel recht eng geschnitten, hatten aber zweischneidiges den Beinen und am Hintern recht viel Stoff um den Herren das Sitzen und Reiten zu ermöglichen. Es ist auf den meisten Bildern nicht sichtbar da die Herren den Rock trugen, der diesen Bereich unsichtbar machte.
      Spätere engere Hosen wurden auch als Stehhosen bezeichnet.

      Rückschluss ins MA: warum nicht einen ähnlichen Ansatz: eng ums Bein, viel Stoff im Schritt und um den Hintern einplanen...
      Bekennend GroMi mit den "Feuerschwingen" (Facebook: Feuerschwingen)
      Am "A" arbeitend als Spiesser in städtischer Infanterie des 13. Jhdts mit dem "Vuozvolc". (www.vuozvolc.de)
    • Um eine schnelle Hilfe zur bestehenden Hose zu geben, bevor der Schnitt mit Hilfe all der guten Ratschläge hier angepasst wird: nimm ein weniger stabiles Nähgarn, ein weiches Wollgarn zB, dann reißt wenigstens nur die Naht und nicht der Stoff daneben. das kann dann ja immer schnell nachgenäht werden.
      Marled
      Kleidermotte in historischen Textilien aus Leidenschaft - näheres ist in meinem Blog Archäotechnik - textile Fläche zu finden.
    • Die Damendorfhose hat den unbestreitbaren Vorteil, dass sie direkt im Schritt gar keine Naht hat.
      Meine Hosen haben eben daselbst eine.
      Die meisten betroffenen Hosen sind halt klassische Marktmittelalter-Hosen, mit denen ich auf Märkten das every day life bestreite.
      Mit der handgenähten pflanzengefärbten gehe ich sorgsam um und trage sie nicht jeden Tag auf einem Markt, wo sie eh die sprichwörtliche Perle vor die Säue wäre.
      Die Hose, die zu meiner Stuttgarter-Psalter-Interpretation gehört, hat das Problem tatsächlich nicht, weil sie obenrum eher weit gehalten ist, wie ja schon empfohlen.
      Zusätzlich hat sie im Schritt innen eine Verstärkung (von außen nicht sichtbar), ähnlich dem Damendorf-Schnitt.
      Während also von außen eine Naht mittig durchgeht, ist das von innen eben nicht der Fall.

      Die bestehenden Hosen werden über kurz oder lang nicht mehr ernsthaft repariert werden, es geht eher um eine Lösung für neue Hosen, die in der Zukunft kommen werden.
    • Meinst du diese Schlaghosen? Das könnte aber auch die Darstellung einer fremden Trachtsitte sein. Stimmt die Ausrüstung und Bewaffnung mit denen der Zeit üblichen?
      Ich bin übrigens der Ansischt, dass die sonstigen dargestellten Hosen im Schnitt den römischen Feminalia entsprechen. Da gibt es Schnitte von Leinenhosen aus dem römischen Ägypten, müsste mal nachschauen in meinen Quellen.
      Marled
      Kleidermotte in historischen Textilien aus Leidenschaft - näheres ist in meinem Blog Archäotechnik - textile Fläche zu finden.
    • Marcus_Hortulanus schrieb:

      Dass die Damendorfhose im Schritt keine Naht hat ist mir neu. Gab es neuere Untersuchungen dazu?
      Ich hab mal wieder zu schlampig formuliert.
      Kommt drauf an, wie man "Schritt" definiert.
      Die DDH hat hinten am Gesäß ein rechteckiges Stück Stoff, so dass es hinten keine senkrechte mittige Naht gibt.
      Siehe Bilder (Quelle: Google Bildersuche)
    • marled schrieb:

      Meinst du diese Schlaghosen?
      Ebenjene.

      marled schrieb:

      Das könnte aber auch die Darstellung einer fremden Trachtsitte sein.
      Stimmt, das könnte aber bei den Psaltern grundsätzlich jedes Bild sein, da die abgebildeten Geschichten ja zu 100% nicht in der Karolingerzeit spielen.
      Es ist also ziemlich spekulativ, welche Figur nun "echt karolingisch" ist und welche nicht und nach welchen Kriterien das nun jeweils entschieden wurde.
      Denn, wie gesagt, konsequenterweise dürfte keine Figur darin karolingisch sein.

      marled schrieb:

      Stimmt die Ausrüstung und Bewaffnung mit denen der Zeit üblichen?
      In großen Teilen. Sie haben einige typisch karolingische Merkmale, die etwa andere Figuren mit engeren Hosen und dafür anderen typischen Karolingermerkmalen nicht haben.
      Bei den Schlaghosenmännern etwa sind "typisch karolingisch" die vordere Clavis auf den Hosen, die zwiebelförmigen Schildbuckel, die gewölbten großen Rundschilde nebst spiraligem Muster und, bedingt, die Schuppenrüstung. Nicht typisch karolingisch sind hingegen die Lanzen (keine Flügellanzen) sowie der Sax, der sonst auf Abbildungen sehr selten vorkommt.