Anzugstoff - gewebt oder gestrickt?

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    • Anzugstoff - gewebt oder gestrickt?

      Auf ebay bin ich auf ein paar schöne Anzugstoffe gestoßen. Reine Wolle, farblich durchaus im Rahmen des pflanzlich-möglichen, und mit rund 150g/qm schön sommerlich-leicht.
      Preis bei 13 € der lfm.

      Irgendwo hier hatte ich allerdings mal gelesen, dass Anzugstoffe meist gestrickt und nicht gewebt wären, und somit für eine Darstellung untauglich.

      Bevor ich da jetzt haufenweise Muster anfordere - wie sind da Eure Erfahrungen?
    • @Silvia - Nein, natürlich nicht für eine 08/15- Alltagskleidung.
      Die Birka-Darstellung soll ja in Richtung des etwas 'besser betuchten' (Wortspiel beabsichtigt ;) ) Kaufmanns gehen. Da wäre der feine Stoff für die Pluderhose gut geeignet. Nicht nur vom Material an sich, sondern auch vom hochwertigen Eindruck her.

      Vielleicht auch noch für das Obermaterial des zugehörigen Kaftans (der dann natürlich leicht gefüttert) für die Sommermonate.
    • Nein, in Haithabu war ich bislang noch nicht. Eventuell sind wir aber zum Sommermarkt übernächstes Wochenende dort.

      Deswegen kann ich nur nach der Literatur gehen, wo das Gewebe als dünn und fein angegeben wird.

      Manche nehmen dafür ja auch Leinen. Ist zwar nicht durch direkte Funde belegt, wird aber in irgendeiner der zeitgenössischen Quellen mit erwähnt.

      Grundsätzlich halte ich ja auch Seide für durchaus möglich, je nach Reichtum des Besitzers.

      Bei einem der Fragmente in Haithabu will Hägg irgendwas zwischen 60-90 Fäden pro Zentimeter gezählt haben. Das wäre schon extrem feines Gewebe, und ein Pendant zum Anzugstoff.
    • So, gemütlich in Abendstimmung auf dem Balkon, und die ganze Literatur in Ruhe durchgehen ;)

      Also: Funde in Haithabu H72 und S19. Beide dieses dünne Kreppgewebe aus Wolle. Hafenfund relativ eindeutig zur Pumphose gehörig, Siedlungsfund vermutlich auch, allerdings mit der Option auf ein Unterhemd.

      Fund in Birka aus dem Grab mit den Gamaschenhaken. Material oben Leinen, aufgrund der restlichen Grabfunde auch als Pumphose vermutet.

      Letzteres deckt sich mit den Berichten von Ibn Fadlan und Ibn Rusta, die bei diesen Hosen ebenfalls Leinen als Material angeben.

      Hägg nennt als weiteres mögliches Material zusätzlich Leder.

      Übereinstimmend schreiben Hägg, Ewing und Geijer (und auch die zahlreichen von ihnen zitierten Quellen), dass diese Art Hosen im Grunde (nur) dem Zweck von Prunk und Protz dienten.

      Anhand der beiden Funde aus Haithabu jetzt zu generalisieren erscheint mir etwas gewagt.
      Im Gesamtkontext jedoch passen die Fragmente gut rein, da dieses Gewebe wahrscheinlich zu den aufwändigeren und teureren Arten gehören dürfte.

      Für eine (typische) Haithabu-Darstellung würde es also schon Sinn machen, diese Gewebsart zu verwenden.

      Bei Birka wäre hingegen Leinen eigentlich schon fast Pflicht, gemessen an dem einen Fund, und der starken Orientierung Richtung Osten.

      Aber nach diesem Exkurs wieder zurück zum ursprünglichen Thema - wäre ein derart feines Gewebe wie ein heutiger Anzugstoff mit den damaligen Mitteln technisch und handwerklich möglich gewesen?
    • Täglich grüßt das Murmeltier ...

      Jein, feine Stoffe gab es, ja natürlich, aber sie sahen nicht aus wie Anzugstoffe.
      Um das zu verstehen musst Du noch tiefer ins Gewebe gehen. Der einzelnde Faden ist auf der Handspindel gesponnen. Das sind keine weichen Fäden die mit dem High-Tech-Webstuhl auf einem Wassertröpfchen durch Webfach getragen werden, sondern die Garne waren robust mit starker Drehung hergestellt, damit sie die mechanische Belastung am Webstuhl und später auch einen langlebigen Stoff abgaben. Das kann nicht wie glatter hautschmeichelnder weich fallender Anzugstoff aussehen. Fadenzahl hin oder her.
      Ich weiß nicht in welchem Buch die Großaufname vom Krepphosenstoff war, Spurensuche Haithabu ? Der Stoff wirkt rauh und wellig, keinesfalls glatt. Man bekommt Kreppstoffe aus Wolle, ich habe jedoch keine Bezugsquelle. Jedenfalls hat so ein Stoff eine ganz andere Optik.
      Neue Seite mit Blog : zeitensprung-handweberei.de
    • Ja, bei sowas bin ich meilenweit von dem Wissen entfernt, was Du und einige andere hier haben. Aber genau deswegen bin ich jedesmal dankbar dafür, dass ich an diesem Wissen und Eurer Erfahrung bei solchen Fragen teilhaben darf.

      Ein paar Bilder habe ich auf Flickr und in Sekundärquellen gefunden. Ist definitiv sogar für mein Laienauge was völlig anderes.

      Hab letztens ein Stück Bauernleinen verarbeitet. Gut 100 Jahre alt, handgesponnen und handgewebt.
      Absolut kein Vergleich zum heutigen industriell gefertigten Leinen.
      Wird deswegen auch mein erstes Teil, wo ich guten Gewissens ein 'A' angeben kann :)

      Gleiches trifft ja im Grunde auch auf jeden modernen Wollstoff zu. Dem sieht man die Neuzeit ja auch immer an. Ist halt immer ein Kompromiss, wie viel man für ein Hobby investieren möchte. Und als reiner Marktbesucher, der nie angesprochen wird, nie irgendwas erklären muss, bei dem auch keiner die Innennähte kontrolliert (obwohl auch die immer Handarbeit sind), mag ich nicht mehrere hundert Euro für handgefertigte Stoffe ausgeben. Da reicht für meinen Anspruch das kleine 'A', bei dem soweit alles belegt ist, aber das Grundmaterial industriell gefertigt sein darf.

      Mist, schon wieder abgeschweift...

      Langer Rede kurzer Sinn - Anzugstoff taugt nix für die FrüMi-Darstellung, weil optisch völlig unpassend ;)