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Zottengewebe nach Haithabu Fragment S35

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    • Zottengewebe nach Haithabu Fragment S35

      Abendliche Spielerei, einfach um das mal auszuprobieren...

      Zottengewebe nach Haithabu, inspiriert von Fragment S35
      Anspruch: auf dem Weg Richtung A

      U.a. aus Haithabu ist das sog. Zottengewebe bekannt. Gewebe, in welches - entweder direkt schon beim Weben, oder auch hinterher - Zotten aus Tierhaaren eingearbeitet werden, so dass das Gewebe den Eindruck von Fell erwecken soll.

      Bei Fragment S35 wurden die Zotten nachträglich eingearbeitet, ähnlich wie bei einem Flokati-Teppich.
      Grundgewebe ist ein Gleichgratköper, die einzelnen Zotten wurden mit einem Abstand von 5-6 Fäden von rechts durchgezogen, unter 5-6 Fäden hindurch, um (meist) zwei Fäden geschlungen, und dann wieder auf die rechte Seite geführt.

      Mein Gewebe ist ebenfalls Gleichgrat, Kette Natur, Schuss natürliches Dunkelbraun. Als Zotten habe ich ganz locker gedrehte Wolle in einem natürlichen Anthrazitton verwendet, Durchmesser ca. 3-5 mm.
      Nach dem Einarbeiten habe ich die Spitzen etwas aufgedröselt, und alles mit einer weichen Bürste gebürstet, um eine feinere Struktur zu erzielen. Länge der Zotten ist ungefähr 5-6 cm.

      Das Probestück ist ungefähr 50 x 5 cm groß, Zeitaufwand gut 3 Stunden.

      Da dies mein erster Versuch eines solchen Gewebes ist, bitte ein kurzes Feedback von fachkundiger Seite, ob das Ergebnis halbwegs A-tauglich ist.
      Bilder
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    • Es gab anscheinend beide Varianten.
      Ich vermute mal, direkt eingewebt bei großflächigen Stücken wie Mänteln, hinterher eingefügt bei Besätzen oder kleineren Stücken.

      An dem Pillbox-Fragment S35 erkennt man jedoch die nachträgliche Einarbeitung sehr deutlich, da manche Zotten durch sich selbst und auch die Kett-/Schussfäden hindurch verlaufen. Das ist nur möglich, wenn die Zotten mit einer Nadel hinterher eingebracht werden.

      Letzteres habe ich auch hier gemacht.
      Flokati-Technik quasi ;)
    • Die Zotten scheinen wirklich Hipp gewesen zu sein. Von eingenäht bis eingewoben, von Garn bis Naturlöckchen ist alles dabei.In Schleswig wurde eins mit Löckchen gefunden an einem kragenförmigen Fragment, hängt heute in Gottorf, publiziert in : Hägg, Textilien und Tracht in Haithabu und Schleswig.
      Das musste ich auch unbedingt mal nacharbeiten, weil ich wissen wollte wie es ausgesehen haben könnte.
      Kennst Du das Stück Hendrik ? Sonst schicke ich Dir ein Bild per Mail.

      Hendrik, ich finde das sieht gar nicht schlecht aus. Den Farbton hast gut ausgesucht, und das aufspeißen hat sich gelohnt. :thumbup:
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    • Danke schön, dennoch ist Deins ja nicht falsch. Es gab diese Art Gewebe in unterschiedlichen Ausfertigungen zu vermutlich unterschiedlichen Textilien. Wir haben da heute kleine Fragmente die sich kaum zuordnen lassen. Dabei muss es nicht immer zwingend Kleidung gewesen sein, es könnten ja auch Wandbehänge (Teppiche), Kissen, Decken oder Behältnisse gewesen sein. Also dürfen die Stücke ganz verschieden aussehen.

      Bei den Kopten gab es etwas Ähnliches das noch mal ganz anders aussieht, man sieht es auch ab und an in Museen die Schlaufengewebe. Meist sind sie aus Leinen, selten gibt es sie in Wolle:
      zeitensprung-handweberei.de/20…ptisches-schlaufengewebe/
      (Quelle mein Blog : https://www.zeitensprung-handweberei.de/ )
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    • Das ist auch eine spannende Gewebsart. Diese S-förmigen Schlaufen durch die Schussfäden gibt auch noch ein interessantes Muster.

      Aber mal eine andere Frage - Warum zweifelst Du so sehr an den Rinderhaaren bei dem Fund aus Schleswig?
      Einige Rinderarten haben oben auf dem Kopf ganz ähnliche Löckchen wie bei Deinen Schafs-Locken.

      Beispielsweise das Galloway-Rind aus Schottland hat extrem langes und gewelltes Deckhaar und sehr weiche, lange Unterhaare. Klassische Fellfarbe ist schwarz, zusätzlich hell und dunkelbraun, und selten auch weiß.

      Könnte sogar wirklich als Quelle passen...
      Die britischen Inseln galten ja als beliebtes 'Ausflugsziel', und Lindisfarne liegt auf einer Höhe mit der Galloway-Region.

      Grundsätzlich also durchaus denkbar...
    • Hehe, fangen nicht, aber vielleicht gibt's ja einen Züchter (allein hier in Deutschland sind mehrere hundert registriert, habe ich eben gesehen), der nicht nur das Fell, sondern auch die Haare verkauft...

      Denn das würde ich jetzt gerade auch gerne mal ausprobieren wollen ;)

      Du machst die gewebte Variante, und ich die geknüpfte, wie wär's?
    • Das wär lustig. Meine to-do Liste ist ziemlich lang, so ein Webstuhl ist ja auch nur ein Linienbus mit Fahrplan.
      Bei meinen Überlegungen zu welchem Rind, stellt sich zusätzlich die Frage, welche Art von Haar. Wäre das einfach hätte Frau Hägg das sicherlich genauer beschrieben. Hat man wenn dem so ist das längere Haar vom Schopf genutzt, oder gab es einen Winterpelz ? Von Galloway´s häng mal ein Büschel an irgendeinem Zaun, das würde ich so nicht verarbeiten wollen, das war einfach nur drahtig und steif.
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    • Das Deckhaar ist wohl besonders lang (und sicherlich auch sehr robust), das Unterhaar etwas kürzer und (laut Quellen) kuschelig weich.

      Ansonsten haben die Tiere auf der Stirn einen großen Bereich mit kleinen Locken, die sehen auf den Bildern auch sehr flauschig aus.

      Für hochwertige Zotten würde ich instinktiv auf eines der beiden letzteren tippen.

      Bei Wikipedia ist ein Bild vom Kopf eines weißen Galloway, da sieht man die Locken sehr schön.
    • Wenn man sich mal die Akribie anschaut, mit der Hägg teilweise einzelne Fasern der Fragmente untersucht hat, muss irgendetwas sie veranlasst haben, diese Zotten noch genauer anzuschauen.
      Wenn mich nicht alles täuscht, schreibt sie nirgends sonst (auch nicht bei Birka) von Rinderhaaren.

      Andererseits gibt sie bei allen anderen Zotten 'Schafswolle' an, ohne hierzu eine Analyse vorzulegen. Und das glauben wir ihr einfach so. Warum dann nicht auch die Angabe in diesem Fall?

      Grundsätzlich spricht ja nichts dagegen, auch andere passende Tierhaare zu nutzen, und nicht nur Schaf.

      Ich seh das Ganze eher als experimentelle Archäologie, um das mal auszuprobieren, und das Ergebnis mit den Funden zu vergleichen.
    • Experimentelle Archäologie, muss dokumentiert und wiederholbar sein. Alles andere ist privates tüfteln und ausprobieren. Das ist etwas für Leute die tief im Thema drin sind, und nicht für Leute die so ein Thema mal streifen. Ich finde gut wie Du alles mögliche ausprobierst und erarbeitest aber exprimentelle Archäologie ist das nicht.

      Bei Hägg steht zu dem Schleswiger Textil, das man ihr weder die Vitrine geöffnet, noch das Stück vorgelegt hat. So genau konnte sie das Stück also nicht untersuchen, ganz im Gegensatz zu anderen Stücken. Haben wir einen anderen Fund von solchen Tierhaaren in einem ähnlichen Zusammenhang ?
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    • Mit privatem Tüfteln kann ich als Hobbyist gut leben ;)

      Der Zusatz, dass Hägg das Fragment nicht untersuchen durfte / konnte, war mir nicht bekannt. Woher stammt diese Information?

      Deine letzte Frage würde mich in der Tat auch sehr interessieren. Vergleichsfunde in einem ähnlichen Kontext... Kenne ich selbst leider nicht.
    • Das steht irgendwo im Buch, ich müsste jetzt suchen, ich habs mir nur gemerkt, weil ich dachte, das sie da nicht mal der Hägg entgegen kommen. So lange suche ich Infos zu den Textilien die da in der Vitrine zusammen mit dem Webpelz hängen, und es ist so schwer ran kommen.

      Tierhaar lässt sich oft schwer bestimmen. Man muss in Publikationen oft schauen, wann und von wem sind die geschrieben. Das bezieht sich jetzt nicht auf Hägg, sondern Textilien aus dem archäologischen Fundgut im Allgemeinen. Oft wurde nur vermutet und kein Textiler dazu gezogen. In besonders genauen Publikationen wurden die Fasern untersucht und analysiert, das macht man mit Vergrößerungen des Einzelhaars und Abgleichen von Datenbanken. So kann man dann zB. Schafswolle, Kaschmir oder Kamel unterscheiden. Dann gibt es unbestimmbare Fasern die man nicht zuordnen kann, das ist gar nicht soo selten.

      In der Tradition der Ryagewebe gibt neben dekorativen Gewebe, auch Funktionsgewebe, zB Wettermäntel die flächendeckend mit "Zotten" bedeckt sind, damit Regenwasser besser ablaufen kann. Dort sind manchmal nur Deckhaare verarbeitet. Man hat händisch das Oberhaar vom Unterhaar getrennt.
      @marled ist da aber die Fachfrau für dieses Thema.
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    • Ich fände es sehr interessant, eine wissenschaftliche Untersuchung dazu lesen zu können. Ich kenne sonst nur Funde, in denen Rinderschwanz!haare verarbeitet worden sind. Edit: damit das hier nicht durcheinanderläuft, bei den Rinderschwanzhaaren handelt es sich nicht um Zottengewebe sondern um Milchsiebe uä
      Marled
      Kleidermotte in historischen Textilien aus Leidenschaft - näheres ist in meinem Blog Archäotechnik - textile Fläche zu finden.
    • Irgendwas bekomme ich da nicht angezeigt Marled. Ich hatte Dich erwähnt da Du die gewebten Regenmäntel der Isländer als Thema erarbeitet hast. Da wollte ich mich nicht mit fremden Federn schmücken.
      Und ja, da wollte ich hin, das solche Wuschelhaare vom Rind noch nirgends tatsächlich scheinbar belegt sind bisher.
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