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Erfurt: Alte Synagoge Dauerausstellung (Synagoge, jüdischer Schatz und Handschriften)

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    • Erfurt: Alte Synagoge Dauerausstellung (Synagoge, jüdischer Schatz und Handschriften)

      Ich war heute in der Dauerausstellung der Alten Synagoge zu Erfurt und bin tief beeindruckt von dem jüdischen Schatz, der in Erfurt 1998 ausgegraben wurde. Er ist vom Umfang (28 kg Edelmetall) und von der Qualität her (700 Einzelstücke Goldschmiedearbeiten) einzigartig. Vergraben wurde er wahrscheinlich im Jahre 1349 und die Exponate sind von allerfeinster Qualität.

      Herzstück ist ein jüdischer Hochzeitsring. Hier ein Ausschnitt (Quelle: juedisches-leben.erfurt.de)

      [Blockierte Grafik: https://juedisches-leben.erfurt.de/mam/jl/asynagoge/fittosize_85_700_350_86305f3df2760b627b4f0c1bcfde4ccc_jle_hochzeitsring_a3ausschnitt_rgb.jpg]
      Die edelsteinbesetzten Fürspane und Broschen sowie das Silbergeschirr und die Gürtelbeschläge sind aber mindestens genau so beachtenswert!

      Ein Stadtführer (wir waren am Abend zuvor in den verborgenen Horchgängen in der Befestigungsmauer der Zitadelle) wies mich darauf hin, den Audioguide der Synagoge zu nutzen, er sei von außergewöhnlich guter Qualität. Also nahm ich das Teil und er hatte wirklich recht. Von der Geschichte des Gebäudes (Außenmauer komplett bis zum Dach erhalten aus dem 11. Jh.!) und den unterschiedlichen Umbauphasen bis hin zu den kleinsten Details der Dauerausstellung - es sind auch noch wenige außergewöhnliche hebräische Handschriften u. a. eine Bibel im Großformat zu bewundern - allerdings als Repliken) wird einem alles optional angeboten, so dass man sich aussuchen kann, was von Interesse ist bzw. ob man mehr Informationen dazu erhalten möchte. Und soweit ich das beurteilen kann, sehr profundes und gesichertes Wissen - keine romantisierende Mittelaltererzählungen.
      Und es wurden genau meine Fragen beantwortet. Just in dem Moment als ich mich niederkniete, um unter die größte Brosche zu schauen, wie sie denn wohl an der Kleidung befestigt wurde, sagte die Sprecherin: "An der Unterseite befinden sich keine Befestigungsmöglichkeiten, so dass davon ausgegangen werden kann, dass die Brosche am Kleidungsstück angenäht wurde." Ich musste da doch grinsen.

      Beeindruckt war ich auch von den vier Gürteln die dort (ohne den brettchengewebten Stoff) ausgestellt sind. Sie sind so schmal (kein 10 mm), dass die Teiler längs anstatt quer angebracht waren - das kannte ich so nicht. Aber die Schließen und Zungen zeigen eindeutig, dass der Gürtel so schmal war. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass der eine Gürtel 4 m lang war! Ein bekleidetes Modell-Hochzeitspaar, dass Repliken der ausgestellten Stücke trägt vermittelt ein realistisches Bild, wie es ausgesehen haben könnte. Der lange Gürtel war drei mal um die Hüfte der Braut geschlungen. Der Dorn ging nicht durch das Gewebe sondern wurde quasi wie bei einem Fürspan um den Dorn herum geführt. Spannend.

      Der Schatz enthielt auch ein "Körperpflegeset" mit einem silbernen Flakon (sieht etwas aus wie ein Steuerrad auf einem Schiff), das mit Baumwollfasern (!) gefüllt war. An diesen Fasern waren noch Spuren von einem Parfüm nachweisbar (Moschus und noch etwas von einer mir unbekannten Katzenart). Klingt echt lecker...
      Dabei lag auch ein Vierkantschlüssel in Ankerform (vielleicht auch daher die Assoziation von dem Steuerrad). Die Verwendung ist unklar.

      Es gibt zu dem Schatz eine gebundene und bebilderte Kurzfassung als Katalog für 14 € und einen Ausstellungskatalog für 59 €, der die komplette wissenschaftliche Arbeit zu dem Fund von Marianne Stürzebecher enthält. (Findet Ihr unter dem oben erwähnten Link.)


      Ein Besuch ist aus meiner Sicht auf jeden Fall empfehlenswert!
      "Der Unterschied zwischen Gott und den Historikern besteht hauptsächlich darin, daß Gott die Vergangenheit nicht mehr ändern kann."
      Samuel Butler der Ältere (1612 - 1680) englischer Satiriker

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