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Original vs Reproduktion - Wie "perfekt" darf eine Reproduktion gearbeitet sein?

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    • Das ist meiner Meinung nach ein wichtiges Thema. Der moderne Mensch tendiert ja dazu einen sehr kühlen und technischen Blick auf Dinge zu werfen. In unserer Zeit der umfassenden Standardisierung ist man es gewohnt ab einem gewissen Preis sehr perfekt gearbeitete Ware zu erhalten (im technischen Sinne). Mit modernen Werkzeugen und technischen Möglichkeiten (moderne Gussverfahren, CNC, CAD, etc.) und Werkstoffen sind auch einfach andere Resultate möglich als vor 500 Jahren. Technische Überprüfbarkeit spielt auch mit hinein, Augenmaß vs. Laservermessen.

      Das Thema ist ein großes und erstreckt sich auf alle Gegenstände des Alltags, als auch auf Utensilien des Kriegshandwerks, hat aber auch mitunter Wurzeln in der Geistesgeschichte, wenn man es noch ausweitet. Also nicht nur wie perfekt oder nicht perfekt gearbeitet, sondern auch wie und warum so und so gearbeitet.

      Die Fertigungsgüte ist ja zunächst auch beschränkt durch vorhandenes Material und den eventuellen Aufwand, den man betreiben muss, um nicht so perfekte Werkstoffe ansehnlich zu bekommen. Heißt: ein hochpoliertes Werkstück kann ich auch heute günstig herstellen, weil es günstige Schleif- und Polierlösungen gibt, eine Politur mit historischen Methoden ist zeitintensiver.
      So verschiebt sich denke ich schon mal technisch "perfekter" gearbeitetes in höherpreisige Regionen.
      Darüber hinaus habe ich den Eindruck, dass man bei vielen Sachen eher pragmatisch vorgegangen ist, Funktionalität z.B. vor absoluter Symmetrie. Viele originale Harnische haben Asymmetrien, die einen organischen Eindruck ergeben und nur bei genauem Hinsehen oder Vermessen auffallen - das betrifft auch andere Realien.

      Auch findet man immer wieder sehr sehr grob gearbeitete Ausführungen, wenn man an Stellen vom Stück blickt, die verdeckt oder schwer einsehbar sind. Z.b. die Rückseite von Schwertscheiden, mögen sie auch auf der Frontseite aufwendig gearbeitet sein.

      Eine Wahrnehmungsverschiebung findet mit Sicherheit auch dadurch statt, dass heute viele Stücke ja nicht mehr in den Alltag integriert sind, weshalb der Käufer einen anderen Maßstab anlegt, das Teil wird eher zum Vitrinenstück (was nicht heißen soll, dass es nicht auch damals Repräsentationsobjekte gegeben hat).

      Wenn man das Thema wie oben erwähnt noch in Richtung Philosophie entwickelt, ergeben sich noch weitere Implikationen zur Herstellung, die vom eigentlichen Thema auf den ersten Blick wegführen, aber eventuell doch wieder etwas damit zu tun haben. Im Kern empfinde ich es wichtiger zu verstehen, welche Ideen und Grundlagen in einen Gegenstand mit einfließen und das zu replizieren, um die Essenz einer Realie herauszuarbeiten, als eine exakte Kopie anzufertigen. Also Farbsymbolik, geometrische Konstruktionsprinzipien (sprich Balance der Konstruktion aus historischer Perspektive), gewünschter Effekt auf den Betrachter(z.B. die dreidimensionale Wirkung früher mit gold hinterlegter "comichafter" Buchmalerei und Mosaike) oder philosophisch basierte Stilentscheidungen (z.B. Konzepte zu Lux und Lumen im Spätmittelalter).

      Wer sich über so etwas im Klaren ist, stellt meiner Meinung nach auch interessantere Gespräche und Vorführungen auf die Beine.

      Persönliche kann ich die Argumentation im Video also absolut nachvollziehen und denke da in ähnlichen Bahnen, um auch dazu noch mal Bezug zu nehmen.
      www.lebendige-geschichte-1474.de
    • vor drei Jahren hatten wir hier die Diskussion über verdreht montierte Knäufe und inzwischen scheint es sich zu verfestigen, dass dies ergonomisch Gründe hatte. Ich habe auch zwei einhändige Schwerter, bei denen das Holz des Griffes nicht perfekt oval ist und beim ersten hatte ich mich zunächst geärgert, dass eine hoherpreisige Replik nicht gründlich geschliffen wurde, wie ich es bei dem Preis erwartet habe. - nach Benutzung hab ich aber festgestellt, dass diese flache Stelle als Daumenauflage genutzt, eine sehr präzise Klingenführung ermöglicht...
      Also wären das jetzt zwei kaum sichtbare optische "Mängel", die das Handling enorm verbessern - wir brauche also Repliken, die auch nicht optisch perfekt gearbeitet sind, um in Praxistests herauszufinden, welcher praktische Nutzen dahinterstrckt...
      ...alle sagten immer: "Das geht nicht!" - doch dann kam einer, der wusste das nicht und hat es einfach getan...
      ...diese Signatur kann Spuren von Soja oder Erdnüssen enthalten...
    • Auch wenn damals alles Handarbeit war, gibt es einige Stücke, die wirklich perfekt aussehen.

      Momentan arbeite ich gerade an ein paar Armreifen als Hacksilber und schaue mir deswegen natürlich auch die Originale genau an.
      Da sind einige dabei, wo die Stempel derart akkurat und präzise gesetzt sind, dass es wie eine heutige industrielle Fertigung ausschaut.
      Und wieder andere sehen eher aus wie meine - jeder Stempel leicht krumm und schief ;)

      Bei vielen handgefertigten Dingen habe ich schon oft Kommentare bekommen wie 'na das hättest Du aber noch etwas sauberer polieren können, da sieht man ja noch die Werkzeugspuren...'
      Ja, sieht man. Genau wie bei vielen Originalen. So what?
      Sind halt Gebrauchsgegenstände, und nicht für die Vitrine.
      Und es sind Gegenstände von durchschnittlichen Menschen, die solche Dinge eben gebrauchen wollten, und nicht nur damit protzen.

      Wie Schnazel schon schreibt, ist der perfekte und makellose Look mit enorm viel Handarbeit verbunden gewesen. Das hat man damals auch bezahlen müssen und dementsprechend auch wollen müssen.

      Deswegen hängt es immer auch vom Stand des Eigentümers und vom Verwendungszweck des jeweiligen Stücks ab, wie perfekt es rekonstruiert wird.

      Eine makellose Gürtelschnalle für einen einfachen Bürger finde ich persönlich unglaubwürdig rekonstruiert. Ein edles Zeremonialschwert für einen König hingegen 'darf' schon deutlich perfekter sein.
    • Tod schrieb:

      [...] If it looks good from 3 or 4 meters away then you have done your job as a swordsmith. [...]
      Da widerspreche ich, denn genau das ist ja der Unterschied zu heute.

      Panzerreiter schrieb:

      [...] if it properly kills the enemy then you have done your job as a swordsmith.
      Die Prioritäten dürften schlicht verschieden sein, zumindest wenn es um Waffen und Rüstungen geht.
      Heute will der Kunde in erster Linie mit dem Zeug protzen und nicht kämpfen.
      Wenn im Original eine Scharte war, dann wurde sie halt ausgewetzt. Und danach wieder feste druff. Wenn heute eine Scharte in der Replik wäre, bräche der Besitzer wohl nervlich zusammen.

      Zuerst kam damals wohl die Effektivität, dann erst die Optik. Das zieht sich aber auch durch bis in moderne Zeiten.
      Die Russen warfen im 2. Weltkrieg Panzer an die Front, die wären selbst in Kriegszeiten nicht mal ansatzweise durch die Qualitätskontrolle ihrer deutschen Gegener gekommen. Die deutschen Panzer waren viel sauberer und sorgfältiger gearbeitet - ganz abgesehen davon, dass sie einfach in der Regel besser aussahen (meine persönliche Meinung).
      Und jetzt die entscheidende Frage:
      Wer hat den Krieg am Ende gewonnen?
      Perfekt gegen gut genug geht halt tendentiell eher zugunsten von gut genug aus.

      Was also Waffen und Rüstungen betrifft ist der Unterschied zwischen Replik und Original meist klar: Die Replik ist um Längen besser als das Original, weil dem jeweiligen Käufer schlicht andere Dinge wirklich wichtig sind. Wie dieser Tod schon sagt: Das originale Original wäre heute nahezu unverkäuflich.

      Gehen wir aber mal weg von reinen Gebrauchsgegenständen hin zu reinen Repräsentationsgegenständen, dann wird die Argumentation nicht mehr so einfach.
      Denn auch Prunk und Protz, selbst königlicher, war bei näherer Betrachtung auffallend krude gearbeitet.
      [Blockierte Grafik: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/e9/Weltliche_Schatzkammer_Wien_(169)pano2.jpg]
      Quelle: Wikimedia, gemeinfrei

      Man sehe sich die teils extrem asymmetrischen Steine/Perlen (gut, das kann an der damaligen Verfügbarkeit bzw den fehlenden Schliffmöglichkeiten liegen, aber dann hätte ich als Hersteller doch wenigstens möglichst gleich geformte ausgewählt), ihre ebenfalls deutlich asymmetrische Anordnung (gut sichtbar oben im Kreuz), die krummen Linien der Perldrähte und die verbogenen Platten an.
      Heute würde man das wahrscheinlich bestenfalls als LARP-Staffage ansehen.

      Das reine Argument des Function-over-Design scheint also nicht auszureichen.
      Manche Dinge sind offenbar einfach besser, manche sind kruder gearbeitet, selbst Dinge, bei denen der reine Zierwert im Vordergrund stand und die definitiv nicht aus einer dahergelaufenen Hinterhofwerkstatt gekommen sein müssen.

      Nun erinnere ich mich an eine Begebenheit aus meiner Studienzeit:
      Der Kunstprofessor, ein für einen Kunstprofessor erstaunlich junger Herr mit einem Hang zu moderner Kunst und Land Art, führte uns durch das GNM in Nürnberg; in der Abteilung mit den großen alten Ölschinken zeigte er uns zwei nebeneinander hängende alte Bilder und bat uns, sie zu vergleichen.
      Das eine war nahezu perfekt gemalt, ein alter Dürer, das andere war deutlich kruder gemalt, an den Künstler erinnere ich mich nicht mehr.
      Ich hielt mich vornehm zurück, weil meine oft lästerlichen Analysen nicht bei jedem Prof gut ankamen, aber das restliche Auditorium verrenkte sich geradezu, das suboptimale Werk schönzureden. "Der Künstler wollte damit erreichen, dass..." oder "Der Pinselstrich schafft eine gerwisse Spannung beim Betrachter..." und noch vieles mehr.
      Der Prof hörte es sich alles lächelnd an und meinte am Schluss: "Machen Sie sich nichts vor, der hatte es halt schlicht nicht drauf. Das hängt nicht hier, weil's gut ist, sondern weil's alt ist." Es gab auch damals Ausnahmekünstler und welche, die halt irgendwie ihr Geld damit verdienten.

      An den technischen Möglichkeiten allein kann es nicht liegen. Die Reichskrone stammt aus dem 10. Jahrhundert. Etwa 1.300 Jahre älter ist das hier:
      [Blockierte Grafik: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/3b/Pektoral111.JPG]
      Quelle: Wikimedia, gemeinfrei

      Es ist das Brustschild eines skytischen Fürsten aus dem 4. Jhdt v. Chr.
      Da können die Macher der Reichskleinodien einpacken.
    • Danke für die Beiträge bisher, da gehe ich voll mit.

      Da ich ja auch noch andere historische Hobbies habe, begleiten mich solche Fachsimpeleien seit langer Zeit. Und ja mir gefällt das.
      Nichts ist spannender als hinter alte Fertigungsgeheimnisse zu kommen.
      Es ist mühselig, nervig und stressig die nötigen Materialien zusammenzusuchen, aber man freut sich wenn alles wächst und ein schönes Ergebnis herauskommt.

      Schnazel schrieb:

      Viele originale Harnische haben Asymmetrien, die einen organischen Eindruck ergeben...
      Die wurden auf Mass gefertigt. Und jeder menschliche Körper ist asymmetrisch. Insofern ist das bei den Harnischen ein Qualitätsmerkmal. (Wie das gemacht wurde ist sehr gut bei Soyener/ Mondfeld: Der Meister des siebten Siegels beschrieben.)
      Lieber eine starke Behauptung als ein schwacher Beweis!