​Projekt: mein erster handgewebter Stoff

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    • Ich bin auch angetan von dem Ergebnis. Mit dem Klett-Effekt hatte ich auch gerechnet und ein schnelles Ende, weil die Spannung der Kette zu stark wird.
      Könnte man nicht die Kette durch einen glatteren Faden ersetzen und die schöne Wolle nur für den Schuss verwenden?
      "Der Unterschied zwischen Gott und den Historikern besteht hauptsächlich darin, daß Gott die Vergangenheit nicht mehr ändern kann."
      Samuel Butler der Ältere (1612 - 1680) englischer Satiriker

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      http://twerchhau.de
    • @Ewaldt von Amulunc - Durch das Verdrillen sind die Fäden erstaunlich stabil geworden *klopf-auf-Holz*
      Ich hatte sie handfest (kann ich nicht anders beschreiben) aufgezogen, und durch die vielen Bewegungen haben sie sich leicht gelockert, lassen sich auch gut dehnen, sind aber gleichzeitig elastisch genug, wieder von allein in ihre 'richtige' Spannung zurück zu kehren.

      Das sind kurioserweise so Kleinigkeiten, die ich gerade unheimlich spannend finde.
      Bisher war das alles immer nur Theorie, wenn man gelesen hat: "die Garne waren viel schärfer gezwirnt als heute", "mit der richtigen Kombination aus Z- und S-Drehung kann man die Art des Gewebes steuern", "die Auswahl der richtigen Fasern ist entscheidend", und und und.

      So langsam füllen sich diese Aussagen mit Leben. Da wird gerade trockene und langweilige Theorie mit einem Mal wirklich 'be-greifbar'.
      Das fasziniert mich im Moment.

      Dabei muss ich an das Beinling-Fragment aus Haithabu denken. Kette und Schuss sind von unterschiedlicher Farbe, allerdings nicht gefärbt, sondern Natur. Mein erster Gedanke damals - interessanter modischer Schnickschnack.
      Dann wurde ich aufgeklärt: die Kette besteht aus den langen, harten und stabilen Fasern der Wolle, der Schuss aus den kurzen, weichen, und wärmenden. Also eine ganz bewusste Auswahl und Kombination, um ein bestmögliches Produkt zu erzielen. Hab ich verstanden, ergab einen Sinn.

      Aber jetzt fange ich erst an, das auch wirklich zu begreifen. In der einen Hand habe ich das raue Island-Garn, in der anderen ein wuschelig-weiches 'Baby-Socken'-Garn von irgendwelchen anderen Schafen.
      Das eine wird beim Verzwirnen extrem stabil und gleichzeitig elastisch, das andere wird einfach nur hart und unflexibel.

      Ich freu mir gerade echt nen Keks über solche Kleinigkeiten ;) Da ergeben gerade viele kleine Puzzleteilchen ein großes Ganzes, und fügen sich perfekt zusammen. Hammer.

      Aber genau das ist der Grund, warum ich so vieles einfach mal selbst ausprobieren möchte. Weil ich sonst zwar die Theorie kennen würde, aber diese faszinierenden Erkenntnisse nicht hätte.

      Mag für den ein oder anderen jetzt vielleicht wie esoterisches Gesülze klingen, aber ich steh' dazu ;)

      Zurück zu Deinem Kommentar: ja, es wäre wahrscheinlich besser gewesen, glatteres Garn für die Kette zu nehmen. Wusste ich vorher nur nicht. Ist allerdings eine der Erkenntnisse, die ich aus diesem ersten Versuch mitnehme.
    • Nachdem ich nun etliche Reihen am Brettchen gedreht habe, stellt sich so langsam eine gewisse Routine ein. Das Drehen geht nun fast automatisch mit den Fingerspitzen, und ich habe mich vom Zeitaufwand her auf ca. 2 Minuten pro Reihe herunter gearbeitet. Damit rückt das Ziel sogar in eine greifbare Nähe ;)

      Und weil es so gut läuft, habe ich meinen Anspruch spontan etwas erhöht.
      Hägg beschreibt bei den Textilien aus den Gräbern von Haithabu auch broschierte Mustergewebe. Sie vergleicht die dabei verwendete Technik mit dem Schwedischen 'Krabbasnås', bei der ein Musterfaden bei jeder Webreihe mit eingearbeitet wird.
      Klang selbst für mich einfach genug für einen Test.

      Als Muster habe ich Fragment 188:13 aus Kammergrab 188/1960 gewählt.
      Da mein Gewebe deutlich gröber ausfällt und erheblich weniger Kettfäden hat, mußte ich das Muster etwas anpassen und vereinfachen. Das Grundprinzip bleibt allerdings erhalten.

      Damit die Schlichtheit meiner zukünftigen Tasche erhalten bleibt, habe ich statt bunt gefärbten Garns das helle Naturgrau meiner Garne verwendet. Das passt sich meiner Meinung nach schön dezent ins Gesamtbild ein.

      Wie von Hägg beschrieben habe ich nun in jeder Reihe den Musterfaden mit eingelegt. Entsprechend dem Original immer abwechselnd über bzw. unter drei Kettfäden und jede Reihe um zwei nach außen versetzt. Dadurch, dass meine Schussdichte relativ gering ist, ist das Muster jetzt stark in die Höhe gestreckt. Na ja, macht nix.
      Leider habe ich mich auch noch bei den Kettfäden verzählt, und das Muster ist nicht mittig. Ärgert mich, aber ich ribbele das jetzt auch nicht wieder auf.

      Ach ja - die Suppenlöffel-Schiffchen habe ich auch ersetzt, macht damit gleich viel mehr Spaß :)
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    • Kleine Frage am Rande noch... Wenn ein Schussfaden zu Ende ist und ich einen neuen anfange - was mache ich mit den freien Enden?
      An der Seite raus hängen lassen, und hinterher verknoten?
      Oder das freie Ende zusammen mit dem neuen Schuss einweben, so dass auf einem kurzen Stück dann halt zwei Schussfäden liegen?
    • Letzteres.
      Meine frühere Weblehrerin meinte, dass man bei gezwirntem Garn, vom alten und neuen Schußfaden einen Teil der Stränge stückweise kürzt, damit dann der doppelt liegende Schußfaden nicht so dich aufträgt und halt nicht doppelt ist. Aber dazu bin ich in der Regel zu faul und meistens fällt eine doppelter Schußfaden auch nicht soo sehr auf.
      Viele Grüße, Anya
    • Sehr schöne Arbeit. Da hast du wirklich eine tolle Möglichkeit gefunden das Projekt zu etwas Besonderem zu machen.
      Mit dem isländischen Einband kann man sehr gut am GWS und am Trittwebstuhl weben, Erfahrung vorausgesetzt, allerdings hätte ich nicht damit gerechnet dass du es zum Brettchenweben nehmen willst.
      Ma
      Kleidermotte in historischen Textilien aus Leidenschaft - näheres ist in meinem Blog Archäotechnik - textile Fläche zu finden.
    • @marled - Danke Dir :) Hätte ich vorher von den Brettchen erzählt, hätte mir jeder davon abgeraten. Im Grunde natürlich auch zurecht.
      Durch einen dummen Zufall funktioniert das Ganze jetzt wider Erwarten doch ganz passabel.

      Aber beim nächsten Mal werde ich definitiv eine seriöse und konventionelle Methode benutzen.

      Allerdings werde ich mit dem schwarzen Island-Garn vorher noch ein anderes Projekt in Angriff nehmen - Zottengewebe. Schwarze Löckchen vom Gotland-Lamm habe ich schon, damit mache ich dann einen langen Streifen Zottenbesatz. Auch wieder Brettchen, weil es für einen Besatz davon nicht so viele braucht.

      @HannaChristine - Genau aus diesem Grund mag ich es so sehr, neue Dinge auszuprobieren. Das Erfolgserlebnis, wenn alles klappt, und einem irgendwann flüssiger von der Hand geht :)
    • Ja, vieles erklärt sich erst beim Tun. Allerdings muss man nicht unbedingt jeden Umweg machen, den die Menschheit schon mal gegangen ist, wenn man ein konkretes Ziel in der Reproduktion eines historischen Stoffes vor Augen hat.
      Mit einem Gewichtswebstuhl oder Tischwebstuhl als Ausgang ließe sich auch das oben aufgeführte Garn gut als Kette verweben. Wenn ich etwas mit Brettchen machen wollte, würde ich auf jeden Fall gezwirntes Garn verwenden, weil durch die Drehbewegung der Brettchen und das Reiben der Fasern an den Löchern das Garn sehr schnell Schwachstellen bekommt.
      Ich wünsche dir auf jeden Fall viel Erfolg.
      Marled
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    • So, Endspurt.
      Rund 50cm sind geschafft, fehlen noch 10-15. Ich mache lieber ein paar Zentimeter mehr, weil das Gewebe nach dem Abnehmen vom Rahmen bestimmt noch ein Stückchen in der Länge schrumpft.

      Allerdings zeigt das Garn so langsam erste Anzeichen von Materialermüdung. Rein vom Gefühl her scheinen die Kettfäden ein wenig dünner geworden zu sein, und sie fasern auch relativ stark. Ich vermute, das liegt am permanenten Scheuern der Brettchen beim Drehen und Schieben.

      Deswegen habe ich auf dem Stück, das die Rückseite der Tasche bilden wird, die Technik etwas geändert.
      Ich bin von Leinwandbindung auf Längs-Rips umgeschwenkt, bei dem ich mit jedem Schuss zwei statt einem Faden verwende.
      Dadurch muss ich die Brettchen nur noch halb so oft drehen, und kann damit das Scheuern deutlich reduzieren.

      Glücklicherweise beschreibt Hägg bei den Textilfunden aus Siedlung und Gräbern, dass regelmäßige Doppelungen bei Kette und/oder Schuss gefunden wurden, und einige Damastartige Gewebe weisen ähnliche Merkmale (als Muster) auf.

      Obwohl ich versucht habe drauf zu achten, hat sich das Gewebe in der Breite auf jeder Seite um rund 5mm verengt. Ärgert mich zwar, aber ich tröste mich mit 'erster Versuch und so...' ;)
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    • Voilà - mein Mini - Teppich ist fertig :D

      Das Projekt hat sich mehr oder weniger von alleine beendet. Am Ende waren die Kettfäden so kurz geworden, dass ich die Brettchen kaum noch drehen konnte, so stark war die Spannung.
      War aber nicht schlimm, da ich die angestrebte Länge von 65cm auch erreicht hatte.

      Nach dem Abnehmen vom Rahmen setzte ein starker Gummiband-Effekt ein, und der Stoff ist im entspannten Zustand gerade mal noch 58cm lang. 60cm wollte ich haben, passt also ganz grob. Erstaunlicherweise hat sich das Gewebe an den zu schmal geratenen Stellen von alleine wieder ausgedehnt. Und noch interessanter - nur dort. Die Abschnitte, wo das Gewebe die korrekte Breite hatte, sind so geblieben. Wirklich faszinierend.

      Ebenfalls hoch interessant - zumindest für mich - ist die Erkenntnis, dass hart gezwirnte Wolle wirklich extrem zugfest und stabil wird. Vorher reichte ein kräftiges Ziehen (nicht mal ein Reißen), und der Faden war entzwei.
      Auf dem Rahmen bin ich mit dem gezwirnten Garn nicht gerade pfleglich umgegangen. Nach jedem Schuss habe ich Ober- und Unterkette mehrmals kräftig auseinander gezogen, um die verhaken Fäden zu trennen. Darüber hinaus nach jedem Schuss mit dem Webschwert mehrfach kräftig den Schuss zum Gewebe hin geschlagen, und dann noch die Belastung durch das Drehen und Schieben der Brettchen.

      Bei all dieser Tortur ist kein einziger Kettfaden gerissen, oder ist auch nur ansatzweise so dünn geworden, dass ein Reißen gedroht hätte.
      Absolut erstaunlich, das hätte ich definitiv niemals so erwartet. Wolle ist wirklich ein erstaunliches Material.

      Auch wenn mein Läppchen mit dem Produkt eines erfahrenen Webers nicht mal ansatzweise vergleichbar ist, so ist mein Respekt vor dieser Arbeit noch mal ganz deutlich gestiegen.

      Und ich habe Blut geleckt ;)
      Ich werde weiter machen. Das nächste Projekt steht im Kopf schon fest.
      Dann allerdings ohne Brettchen, sondern vernünftig.

      Danke an alle, die dieses Projekt begleitet haben, und danke für Eure guten Tipps und Anregungen.
      War eine spannende Zeit und eine wertvolle Erfahrung :)
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    • Das ist richtig schön geworden !

      Du solltest den Stück noch ein Entspannungsbad gönnen. Handwäsche, lauwarm mit einem Wollpflegemittel, so würde ich das bei dem Stück machen.Vorher die Kettfäden sichern. Entweder durch knoten oder einen Saum machen. Wenn die Kettfäden zur befestigung an Taschenbügeln benötigt werden, kannst Du eine halbe Schleife in Fadenbündelchen machen, dann kannst Du das säpter wieder aufziehen.

      Beim Entspannungsbad fügen sich die Fäden in ihre neue Position und das Gewebe wird etwas homogener. Es wird vermutlich noch ein wenig einlaufen. Der Gummi-Effekt den Du beschreibst wird bei einer Gewebeplanung mit 10% eingeplant, weitere 10% für den Einsprung bei der ersten Wäsche. Für ein 2m Tuch aus Wolle webt man also ungefähr 2,40m.
      Neue Seite mit Blog : zeitensprung-handweberei.de
    • @Silvia - Dann wird das Ding ja noch kleiner... ;)

      Nee Du hast schon Recht, besser jetzt, als wenn alles fertig ist und dann nicht mehr passt. Dann gehe ich mal Wollwaschmittel besorgen und lasse das gute Stück eine Runde baden, bevor ich es weiter verarbeite.

      Insgesamt 20% Schrumpfung ist schon heftig, hätte ich nicht gedacht. Aber gut zu wissen für die weiteren Projekte.
    • es sind sogar noch mehr als 20% denn erst 10 und dann davon noch mal 10% das macht bei kleinen Projekten nicht viel aber bei langen Ketten summiert sich das, un d nix ist ärgerlicher, als wenn dann nach dem waschen zu wenig Stoff für 2 Ärmel an einem Kleid da ist und man noch mal neu anfängt mit Wolle spinnen :whistling:

      Unsere Mara gab mal als Produktempfehlung das Wollwaschmittel von "dm" die Hausmarke, da ist Lanolin mit drin. Das ist gut und günstig, wenn Du es teuer haben magst Sonett Wollwaschpflege auch mit Lanolin
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    • Wie sehr das Gewebe schrumpft, hängt auch stark von der Kettspannung und der Wolle an sich ab. Ich habe schon Stücke gehabt, die sind nach dem Waschen über 30% kleiner gewesen (zum Glück nur sehr selten) und manche gerade mal 5%. Bei mir beträgt die Schrumpfung im Schnitt etwas über 10%, weil ich mit recht lockerer Kettspannung arbeite.

      Ich nehme in der Regel unser normale Waschpulver und Waschmaschine im Wollwaschgang, hat (besonders bei Kindern) den Vorteil, dass man später auch in der Waschmaschine ohne große Überraschungen waschen kann.
      Viele Grüße, Anya