​Projekt: mein erster handgewebter Stoff

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    • ​Projekt: mein erster handgewebter Stoff

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      Manchmal hat man ja so verrückte Ideen, mal was völlig neues auszuprobieren.
      So kam mir vor zwei Wochen in den Sinn, dass ich noch nie per Hand gewebt habe, und das gerne ändern möchte. Mir war völlig klar, dass dies mit sehr viel (zeitlichem) Aufwand verbunden sein würde. Also sollte es nicht nur irgendein Test-Lappen werden, sondern er sollte auch für irgendwas gut sein.

      Nach kurzem Überlegen fiel meine Wahl auf eine neue Bügeltasche nach Haithabu.
      Die Größe des benötigten Stoffs dafür ist überschaubar, das Gewebe muss nicht besonders fein gewebt sein, schlichte Leinwandbindung reicht aus, und großen Belastungen ist es auch nicht ausgesetzt.

      Okay, wenn schon ein Schritt Richtung A, dann auch direkt mit gescheitem Material. Also rum gefragt, welche Schaf-Rassen es denn vor gut 1.000 Jahren in und um Haithabu gegeben haben könnte. Genannt wurde u.a. Skudde (wird aktuell in Haithabu auch als relativ authentische Rasse gehalten), Soay, Gotland, Island.
      Nach viel Googelei die Erkenntnis, dass Skudde und Soay zwar grundsätzlich einigermaßen gut verfügbar sind, allerdings fast ausschließlich als Saisonware, und dann auch noch als (unkardiertes) Vlies. Ich kann weder nach den geeigneten Fasern sortieren, noch per Hand spinnen, also musste ich diese beiden erstmal abhaken. Vielleicht später mal, läuft ja nicht weg.
      Gotland ist auch gar nicht so einfach zu bekommen.
      Also Wolle vom Island-Schaf. Gibt's als Fake und Original. @marled gab mir den Tipp für einen Shop in Deutschland mit dem Original, wo ich auch direkt was bestellt habe.
      Kam jetzt am Wochenende an, Naturweiß, helles Naturgrau, dunkles Naturgrau, und ziemlich dunkles Anthrazit. Tolle Farben!

      Die liebe @Silvia warnte mich allerdings, dass dieses Garn sich zum Weben überhaupt nicht eigenen würde. Viel zu leicht gesponnen, kaum gezwirnt, würde schnell reißen.
      Leider hatte sie Recht - tolles Garn zum Stricken und Häkeln, aber einmal kräftig dran ziehen, und man hat zwei Fäden statt einem. Mist.

      Testweise habe ich das Garn dann mit den Fingern kräftig nachgezwirnt. Wird dadurch um die Hälfte dünner, aber auch ziemlich stabil. Muss ja auch nur für die Kettfäden sein, also ist der Extraaufwand lästig, hält sich aber im vertretbaren Rahmen.

      Apropos Rahmen… Webrahmen oder Webstuhl habe ich nicht, wollte ich mir für einen Test auch nicht kaufen.
      Als einfache und kostengünstige Möglichkeit kamen mir Brettchen in den Sinn. Aus Spielkarten Quadrate schneiden, zwei Löcher an gegenüberliegenden Ecken rein lochen, und dort jeweils einen Kettfaden durch ziehen. Mit einer Vierteldrehung vor bzw. zurück geht der eine Faden hoch, der andere runter.
      Also hundert Spielkarten zurecht geschnitten und gelocht.
      Den Rahmen habe ich mir dann fix aus zwei Leisten und zwei Rundhölzern zusammen geschraubt.

      So, nun wurde es ernst. Zunächst alle Kettfäden abgelängt und zugeschnitten. War ein erschreckend dickes Bündel ;)
      Jeder Kettfaden wurde auf der Hälfte mit einer Schlaufe an einem der beiden Rundhölzer befestigt, und die beiden Fäden dann durch je ein Loch einer der Brettchen-Karten gezogen. Danach habe ich sie dann mit den Fingern verzwirnt. Dummerweise ist das blöde Garn Z-gedreht. Also genau anders herum, als ich als Rechtshänder drehen würde. Egal, dann dauert das halt noch mal deutlich länger. Gut, beide Fäden hart verdreht, und am anderen Rundholz verknotet.
      Ja, ich weiß - die Fadenspannung lässt sich damit nachträglich nicht mehr ändern. Vielleicht werde ich mich später für diese Entscheidung noch selbst in den Hintern beißen. Der ganze Kram hat gut vier Stunden gedauert, aber irgendwann wollte ich auch mal fertig werden. Der Spaßfaktor dabei tendierte stark gegen Null, aber da geht es mir vermutlich genauso wie unseren Vorfahren ;)

      Eine sehr bittere Erkenntnis kam dann allerdings noch… die blöden Brettchen lassen sich leider nicht (so zumindest meine naive Vorstellung vorher) alle gleichzeitig drehen. Leider nein, leider gar nicht. Die haben nämlich die selten dumme Angewohnheit, sich in den Fäden der benachbarten Brettchen zu verhaken. Außerdem ist das Island-Garn extrem rau, und verhakt sich auch gerne miteinander…
      Na gut, dann drehe ich halt jedes Brettchen einzeln. Wird bestimmt lustig.

      Heute abend schiebe ich mal die ersten Schussfäden durch. Bin schon sehr auf neue Überraschungen gespannt :)

      Fortsetzung folgt...
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      Hendrik1975 schrieb:

      @nib Steht bei mir schon auf dem Plan ;)
      Jetzt schaue ich erstmal, ob mir das Weben überhaupt gefällt. Gibt ja manche Projekte, die man so sehr verflucht, dass man sie einmal und nie wieder macht. Da wollte ich im Vorfeld nicht haufenweise Arbeit für nix investieren.
      Ich glaube, ein Gewichtswebstuhl wär in der Größenordnung weniger (oder zumindest nicht viel mehr) Aufwand gewesen.
      https://www.facebook.com/ormrinn.brands
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      @nib Ich wollte den Aufwand umgehen, jeden einzelnen Kettfaden separat am Musterdingsbums (die Teile die man hebt und senkt) verknoten zu müssen.
      In der Theorie erschien es mir schneller, einen Faden nur durch ein Loch zu ziehen.
      Vermutlich werde ich diese Zeitersparnis beim Weben dann mit dem zehnfachen Aufwand bezahlen dürfen ;)

      Vermutlich hätten mir genau das auch alle Leute vorher gesagt.

      Und genauso vermutlich hätte ich das ignoriert, weil ich ein starrsinniger Dickkopf bin :D
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      Hendrik1975 schrieb:

      @nib
      Jetzt schaue ich erstmal, ob mir das Weben überhaupt gefällt. Gibt ja manche Projekte, die man so sehr verflucht, dass man sie einmal und nie wieder macht. Da wollte ich im Vorfeld nicht haufenweise Arbeit für nix investieren.
      Manche Projekte beinhalten (leider), dass sie haufenweise Arbeit machen, wenn sie gelingen sollen. Und beim Weben gehören die "Vorarbeiten" unmittelbar dazu, nicht nur der Webvorgang an sich - wenn ich das als bescheidener Web-Laie mal so sagen darf. Beherzige die Anregung von Silvia!
      Und danke, Silvia, für den Link, den habe ich mir gleich mal gespeichert.
      "Der Unterschied zwischen Gott und den Historikern besteht hauptsächlich darin, daß Gott die Vergangenheit nicht mehr ändern kann."
      Samuel Butler der Ältere (1612 - 1680) englischer Satiriker

      http://amulunc.de.tl
      http://twerchhau.de
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      @Ewaldt von Amulunc - Viel und lange Arbeit stört mich erstmal per se nicht ;)

      Nähen als solches - total geil, ich liebe es.
      Nen Wendeschuh nähen - ist im Grunde nicht so viel anders, hat mich aber von Anfang an nur genervt, ist nach einem halbfertigen Exemplar in der Ecke gelandet.

      Eine Messerklinge komplett aus dem Flachstahl per Hand in Form feilen - eigentlich total öde und stumpfsinnig, aber ich mache es unheimlich gern.

      Dass das Aufspannen der Kettfäden keine emotionale Offenbarung werden würde, war mir vorher schon ziemlich klar :D
      Schreckt mich auch nicht ab, gehört - wie Du selbst sagst - einfach zwingend mit dazu.

      Silvia Link ist sehr interessant, da habe ich mir gerade auch schon mehrere der Videos angesehen.

      Ich kenne mich leider selbst - nachher werde ich erstmal meine Brettchen versuchen. Da hab ich mir in den Kopf gesetzt, dass das klappen muss. Jetzt könnte mir jeder Profi sagen "Hey lass das, das ist ne scheiß Idee, das funktioniert nicht". Ich werde es trotzdem versuchen. Und ich weiß jetzt schon, dass ich heute am sehr späten Abend ebenfalls zu dem Ergebnis komme, dass meine Idee nix taugt. Ist mir jetzt schon sonnenklar ;)

      Und DANN werde ich mich über Silvias Link noch mehr freuen, alles wieder umbauen, und ab
      Morgen so arbeiten, wie die Profis es mir von Anfang an geraten hätten und haben ^^

      Starrsinniger Dickkopf halt, der nur durch eigene Einsicht lernt :kopfhau
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      Ist mir selbst auch nicht ganz fremd :D und ich bewundere Deinen Ehrgeiz und wie Du Dich mit Deinem Dickkopf angefreundet hast. :thumbup:
      Dann leg mal los und ich bin gespannt, was Du berichtest. Meine Hypothesen, was passieren könnte, behalte ich erstmal für mich.
      Mit Bettchen webe ich ja schon länger. Vor einem halben Jahr etwa habe ich meine ersten Gehversuche im Weben auf dem Webrahmen gemacht - ruht derzeit, da ich erst andere Projekte zum Abschluss bringen will. Dann werde ich weiter fleißig das Spinnen üben (neue, leichtere Wirtel!) und irgendwas muss ich mit dem Garn dann schließlich anfangen. ;)
      "Der Unterschied zwischen Gott und den Historikern besteht hauptsächlich darin, daß Gott die Vergangenheit nicht mehr ändern kann."
      Samuel Butler der Ältere (1612 - 1680) englischer Satiriker

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      Boah... du bist mutig... so ein Projekt 'nur zum Ausprobieren' ist eine Herausforderung, denn 'normale' Brettchenweber, weben nicht mal eben mit 100 Brettchen und schon gar nicht mit dem Material.

      Ich drück dir die Daumen, dass es halbwegs funktioniert.
      Ich bin nett, höflich, liebenswert und zuvorkommend...
      wenn ich schlafe.

      Meine Seite übers Brettchenweben http://www.aisling.biz
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      So, nun hab ich mal fleißig am Brettchen gedreht ;)
      Geht eigentlich sogar insgesamt besser, als ich gedacht und befürchtet hatte.
      Rund 12cm sind fertig geworden. Aufgrund der Dicke des Garns kommt das Gewebe auf 6 Fäden pro Zentimeter in der Kette, und leider nur knapp 4 im Schuss.

      Da ich keine Ahnung habe, wie stabil meine selbst gedrehten Kettfäden sind, und wie stark ich sie belasten darf, ist die Kette nur mäßig stark gespannt. Dadurch sitzen die Brettchen auch nicht so stramm, wie ich es in diversen Videos gesehen habe. Das hat leider dazu geführt, dass einzelne Brettchen sich unbemerkt gedreht bzw. umgeklappt haben, wodurch einige Webfehler entstanden sind. Macht aber nix, Webfehler finden sich auch an etlichen Fragmenten und sind ausreichend belegt.

      Das Garn zeigt sich durchgehend störrisch und verhakt sich ständig miteinander. Nach jedem Dreh der Brettchen müssen obere und untere Lage der Kette noch einmal manuell getrennt werden, bevor man den Schuss durchschieben kann.
      Insgesamt dauert eine Reihe dadurch 4-5 Minuten. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass andere Techniken eventuell effizienter sein könnten ^^

      Zwar habe ich jede Schussreihe mehrfach kräftig gegen das vorherige Gewebe geschlagen (als Webschwert dient eine Aluleiste), aber mehr als 4 Fäden pro Zentimeter haut einfach nicht hin. Das macht das Gewebe lockerer als erhofft.

      Allerdings bin ich ansonsten ganz zufrieden. Die Reihen sind einigermaßen gleichmäßig geworden, nur die Kanten sind nicht schön. Macht aber nix, die werden eh miteinander vernäht.

      Seht mir nur bitte die Suppenlöffel-Schiffchen nach ;)
      Ich hatte keine passenden Leisten mehr griffbereit, deswegen brauchte ich eine professionelle Alternative.
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      Total schön! Ohne dir grünen Pfeile wären die Webfehler gar nicht aufgefallen ;)
      Auf den ersten Blick sieht der Kettfaden recht stabil aus, hast du mal versucht, wie leicht er sich mit der Hand durchreißen läßt? Ich denke, dass nicht viel passieren wird, wen du die Spannung noch etwas erhöhst.
      Deine Kettfäden liegen recht dicht beieinander, so dass der Schußfaden salopp gesagt nicht so viel Platz hat, um auch auf 6 Fäden/cm zu kommen. Außerdem ist der Schußfaden ja auch etwas dicker dadurch, dass er nicht nach gezwirnt ist. Ein bisschen relativieren sich die 6Fäden/cm noch, wenn du das Gewebte abnimmst und sich die Kettfäden wieder entspannen, so dass du spätestens nach dem Waschen einen Stoff ohne Zwischenräume hast.
      Klettiges Garn ist auch auf dem "normalen" Webstuhl eine Qual, da man auch dort nach jedem Schuß erstmal Fäden trennen muss. Aber klar, das hundertfache Brettchendrehen fällt weg. Höhere Spannung (und auch geringe Kettfadendichte) helfen ein bisschen gegen das Verhaken. Versuch vielleicht mal die Kettfäden mit Sprühstärke einzusprühen oder mit Stärkelösung einzupinseln. Irgendwo hatte ich mal aufgeschnappt, dass früher die Kette mit wasserlöslichem Leim geschlichtet wurde, habe ich selber aber noch nicht ausprobiert.
      Viele Grüße, Anya
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      Es sieht voll gut aus ! Besonders wenn man weiß wie es gemacht wurde und wie viel Fummelei das war.

      Du bist gruselig Hendrik, Du geht immer mit eigenem Weg an die Dinge ran, und dann kommt da auch noch brauchbares Zeug bei raus. Also für den Fall das morgen die Welt in Scherben liegt und wir das Rad neu erfinden müssten, hätte ich gerne Deine Adresse.

      Liebe Anfänger nicht nachmachen nur Hendrik kann, was Hendrik macht.
      Neue Seite mit Blog : zeitensprung-handweberei.de
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      @Anya - Danke Dir :) Dass sich so raues Garn auf dem Webstuhl auch so widerspenstig verhält, wusste ich nicht. Ich war jetzt davon ausgegangen, dass die Fäden sich da durch einen anderen Winkel oder andere Zugkräfte von alleine lösen. Gut zu wissen...
      Der relativ große Zeitaufwand bei jeder Reihe kommt größtenteils durch das manuelle Trennen der Fäden, weniger durch das Drehen der Brettchen.
      Wenn das beim herkömmlichen Weben aber ähnlich viel manuelle Nacharbeit bleibt, hätte ich durch einen Systemwechsel erstmal nicht viel gewonnen.
      Ich glaube, dann bleibe ich bei diesem Projekt erst einmal bei den Brettchen, und arbeite beim nächsten erst mit Gewichtswebrahmen oder Backstrap-Loom.

      @Lisabeth Danke Dir ;)

      @Silvia - Also wenn eine professionelle Weberin mir sagt, dass dieses kleine Krüppelstück gut aussieht, dann muss ich das wohl so glauben (oder Dir einen guten Optiker empfehlen :D ).
      Danke für die Blumen, das ist total lieb von Dir :love:

      @nib - Diese verschiedenen natürlichen Grautöne sind echt der Hammer. Kommt auf dem Bild nur sehr eingeschränkt rüber, die sind im Original noch etliche Nummern schöner. Mag ich auch total gerne.
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      Der Backsteap Loom - dazu hatte ich hinter den Kulissen geraten um das Projekt zu retten - lässt bei uns nicht nachweisen. Wenn Du wirklich Aufwand betreiben willst, dann solltest Du beim Gewichtswebstuhl bleiben, oder halt bei dem Flachwebstuhl wie er auf meinem Avatar abgebildet ist. In Haithabu findet sich eine Holzrolle die solch einem Webgerät zugesprochen wird, im Avatar auf Ohrenhöhe rechts und links vom Kopf.

      Ich warte tatsächlich auf neue Brillengläser, und eigentlich musst Du Dewin Gewebe entsorgen. Es sind zwar Webfehler belegt, aber das sind Musterfehler oder Fadenspringer. Einen Fadendreher kenne ich bisher nicht. ;) Sorry das klang jetzt ein bischen nach aber irgendwer muss doch meckern. Biddeschön

      Webkamm - da ist man an eine Fadenstärke gebunden, kann man machen ist aber mehr Aufwand als ein Litzenstab für den man ja nur einen Stab und einen technischen Faden benötigt.
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