Gêren - ab wann?

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    • Gêren - ab wann?

      Hallöchen allerseits!

      Ich befasse mich gerade mit Gêren in frühmittelalterlichen Tuniken und versuche herauszufinden, ab wann diese - generell und speziell in Skandinavien - aufkamen. Die frühesten mir bekannten Funde sind ein Hemd und eine Tunika aus Skjoldehamn, die auf 995-1029 n.Chr. datiert wurden. Allerdings existieren aus der Zeit davor offenbar so wenige aussagekräftige Textilfunde, dass ich nun nach weiteren Quellen suche, mit denen sich das Aufkommen von Gêren weiter zurückverfolgen lässt.

      In einem anderen Forum bin ich auf den Hinweis gestoßen, dass in den Kapitularien Karls des Großen eine Regelung enthalten sei, die es Bauern verbot, mehr als 4 Gêren in ihrer Kleidung zu tragen. Damit ließen sich Gêren - und offenbar sogar deren exzessiver und damit regelungswürdiger Einsatz - also offenbar schon für das Fränkische Reich vor 814 belegen.
      Kann mir womöglich jemand einen Tipp geben, in welcher der unzähligen Kapitularien diese Regelung stehen könnte?

      Bei Kania (Buch: "Kleidung im Mittelalter") werden Grundformen der Tuniken im frühen Mittelalter gezeigt (Abb. 66, S.142) - darunter auch der Schnitt mit seitlichen Gêren. Sie scheint also auch davon auszugehen, dass dieser Schnitt bereits im Frühmittelalter anzutreffen war, räumt im Text allerdings ein, dass archäologische Belege meist aus dem Hochmittelalter stammen.
      Bezüglich des generellen Einsatzes von zugeschnittenen Elementen bei der Kleiderherstellung (im Gegensatz zu formgewebten Stücken) kommt Kania zu dem Schluss, dass sich zwar nicht klar datieren lässt, wann genau der Zuschnitt von Kleidung begann, stellt jedoch fest, dass "bereits die Thorsberg-Hose, ein Stück von etwa 175 u.Z., eine meisterhafte Ausnutzung der stoffeigenen Elastizität und das Wissen um körpernahen, aber gleichzeitig stoffsparenden Zuschnitt" zeigt. (Die genaue Datierung ist offenbar umstritten, jedoch spätestens 4. Jhd. n.Chr.)
      Damit wären die grundlegenden Techniken, auf denen auch der Einsatz von Gêren basiert, also bereits spätestens im 4. Jhd. bekannt und in Verwendung gewesen.

      Sind euch weitere Quellen (Bild/Schrift/...) bekannt, die Hinweise zur zeitlichen Eingrenzung liefern können?


      Neben meinem allgemeinen Interesse an der Entwicklung der Tunikaformen im Frühmittelalter interessieren mich - mit Blick auf meine angestrebte Darstellung - besonders die Formen im frühmittelalterlichen und wikingerzeitlichen Skandinavien.
      Was die Verbreitung in dieser Richtung angeht, gehe ich stark davon aus, dass die Kontakte zum fränkischen Reich und den anderen Nachbarn eng genug waren, dass sich ein derart praktischer Schnitt (Stichwort: Beinfreiheit bei warmen Oberschenkeln) recht bald auch in Skandinavien verbreitet haben dürfte.
      Aber auch in dieser Hinsicht bin ich auf der Suche nach jeglichen Quellen, die diesbezügliche Hinweise liefern können.

      MfG Ilka :bye01
    • Sodele, entschuldige die Kurzfassung, aber irgendwie lief mir die Zeit urplötzlich mal wieder weg. Komischer Weise habe ich in diesen Zeiten irgendwie wenig davon :huh:
      Egal, im www zum Thema selbst finde ich findet da man ja nicht soviel - oder meine Suchanfragen sind murks :/
      Auf Frau N. bin ich über Prof. Owen-Crocker gestolpert, welche jene hier im Forum ja schonmal namentlich erwähnt wurde.
      Jedenfalls ist die Fundlage bei meinem Steckenpferd eher || , aufgrunddessen wird dann auch fleißig von müßte könnte gegebenenfalls gesprochen
      Mit einem entschiedenen vielleicht liegst du halt nie daneben, aber wie soll es auch sonst gehen,
      wenn die nicht erdrückene Beweislage halt .....nichts hergibt

      Also dann Daumedrück bei deiner Suche
    • Also in Haithabu und Schleswig gibt es da einiges an Funden :)
      Geren in einfach, in doppelt, Gewandsaum mit Resten von Geren, Zuschneiderest mit ausgeschnittenen Geren...

      Ansonsten gibt es noch zahlreiche bildliche Darstellungen (Manuskripte, Schnitzereien, Steinplatten, Stickereien), auf denen man ganz deutlich ein körpernah geschnittenes Oberteil erkennt, und der Schurz ist deutlich weiter geschnitten und fällt in Falten. Das lässt sich nur mit Geren erreichen.

      An Literatur ist G. Owen-Crocker, "Dress in Anglo-Saxon England" sehr zu empfehlen, und für Haithabu natürlich Inga Hägg ;)
    • Hendrik1975_Ersatz schrieb:

      Also in Haithabu und Schleswig gibt es da einiges an Funden :)
      Geren in einfach, in doppelt, Gewandsaum mit Resten von Geren, Zuschneiderest mit ausgeschnittenen Geren...


      Laut Kania (mit Bezug auf Hägg) wurden die Funde aus Haithabu auf das 10. Jhd. datiert, also auf die späte Wikingerzeit (hatte die daher - ohne es zu erwähnen - zeitlich mit den Funden aus Skjoldehamn in einen Topf geworfen - sorry).
      Ich frage mich jedoch, ob es auch schon für die frühe Wikingerzeit Belege für Gêren gibt.

      Hendrik1975_Ersatz schrieb:

      Ansonsten gibt es noch zahlreiche bildliche Darstellungen (Manuskripte, Schnitzereien, Steinplatten, Stickereien), auf denen man ganz deutlich ein körpernah geschnittenes Oberteil erkennt, und der Schurz ist deutlich weiter geschnitten und fällt in Falten. Das lässt sich nur mit Geren erreichen.


      Hast du da zufällig konkrete Quellen?
      Das bringt mich aber auf jeden Fall auf die Idee, mal bei manuscriptminiatures.com zu suchen.

      Hendrik1975_Ersatz schrieb:

      An Literatur ist G. Owen-Crocker, "Dress in Anglo-Saxon England" sehr zu empfehlen, und für Haithabu natürlich Inga Hägg ;)


      Das Buch muss ich wohl auch mal ausfindig machen ^^

      Schonmal Danke für eure Rückmeldungen :)
    • 10. Jh. wäre mehr genau die Mitte als 'spät', wenn wir (ganz grob gerundet) von 800 - 1.100 rechnen.

      Auf wann genau welches Fragmente datiert wird müsste ich nochmal im Detail nachschauen.

      Bei Owen-Crocker sind relativ viele Abbildungen drin, ein paar weitere bei Hägg, einige bei Ewing, und eine große Anzahl in "Iconic Costumes" von Ulla Mannering.

      Bei manuscriptminiatures kannst Du gut nach Region und Zeit sortieren.

      Eine Alternative ist vielleicht noch die British Library, da gibt es Unmengen an digitalisierten Manuskripten:

      bl.uk/manuscripts/
    • wobei G. O-C in dem besagten Buch (bei meiner Ausgabe auf S. 175) ja auch feststellt (Verweis auf Schriftverkehr zwischen Alcuin und König Æthelred of Northumbria 793) das sich die angelsächsische eher an der fränkischen Mode orientierte, von der nordischen Mode daher unterschied...
      Aber keine Regel ohne Ausnahme...
      Es war einmal das kleine Northumbria im späten 8Jh .. und es war nicht nur der Fashion Style sondern auch die Haartracht
      muss ein verwegener Hairstyle gewesen sein
      :rolleyes: Groovy :D
    • Die modischen Unterschiede finden sich interessanterweise überwiegend bei der Gestaltung des Halsausschnitts ;)

      In den meisten bildlichen Darstellungen sieht man den klassischen Rundhals- oder Schlüsselloch-Ausschnitt. Bei den 'bösen' Menschen findet sich hingegen oft ein rechteckiger Ausschnitt.

      Das passt auch gut zu den skandinavischen Funden. Viborg, Guddal, Skjoldehamn, Högom, Bernuthsfeld... Alles in irgendeiner Weise rechteckig, und weit entfernt von 'rund' oder 'Schlüsselloch'.
      Die gibt es zwar auch (Moselund, Kragelund, Lendbreen nur bedingt, weil gerade), aber relativ typisch scheint eher die rechteckige Form gewesen zu sein.

      Sehr spannendes Thema im Übrigen :)
    • Hier nun der aktuelle Zwischenstand meiner Recherchen:

      Zur angeblichen Erwähnung von Gêren in den Kapitularien von Karl dem Großen
      Leider ist es mir bislang nicht gelungen, eine solche Erwähnung in den Kapitularien nachzuweisen. Auf diversen Internetseiten zu Kleidung im Mittelalter wird zwar ein sog. "Aufwandgesetz" von Karl dem Großen aus dem Jahr 808 erwähnt, in welchem vorgeschrieben gewesen sein soll, wie viel jeder Stand für seine Kleidung ausgeben durfte, allerdings konnte ich bislang noch nicht herausfinden, in welchem Kapitualrium dieses enthalten ist und ob dort auch Gêren erwähnt werden.
      Als problematisch für die Recherche in den Primärquellen erweist sich, dass ich die Kapitularien bislang nur auf Latein (dessen ich leider nicht mächtig bin) habe finden können und in einer Form, die keine Volltextsuche erlaubt. Immerhin habe ich auf capitularia.uni-koeln.de ein Verzeichnis aller Kapitularien gefunden und den Suchbereich auf die Kapitularien eingrenzen können, die aus dem Jahr 808 stammen.

      Ebenfalls auf diversen Internetseiten taucht ein weiteres Zitat auf, welches Karl den Großen mit einer Regelung bezüglich Gêren in Zusammenhang bringt:
      "Da traf er (Karl) sogleich Bestimmungen über die Kleidung der Bauern. Die wurden vom Papst bestätigt. Jetzt will ich euch sagen, was der Bauer nach dem Gesetz tragen durfte: nur Schwarz oder Grau, nichts anderes erlaubte der Kaiser. Keilstücke nur an den Seiten, das ist seinem Stand gemäß, und Schuhe aus Rindsleder, sonst nichts. 7 Ellen Stoff auf Hemd und Hose, aus grobem Tuch. Wenn er Stoffkeile hinten und vorne trägt, hat er gegen seinen Stand verstoßen." (in: Joachim Bumke: Höfische Kultur – Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter, Bd. 1, München 1987, S. 172)
      Dieses Zitat soll aus der Vita Karoli Magni stammen, die von dem fränkischen gelehrten Einhard (770-840) im 9. Jahrhundert (mutmaßlich um 836) verfasst wurde.
      Die Vita habe ich zumindest schonmal auf lateinisch als durchsuchbaren Text finden können: thelatinlibrary.com/ein.html Meine Suche nach der lateinischen Übersetzung einzelner Begriffe aus dem o.g. Zitat war jedoch bislang erfolglos. U.u. besorge ich mir bei nächster Gelegenheit mal für 3,80€ die Reclam-Ausgabe der Vita auf Latein und Deutsch, in der Hoffnung dort fündig zu werden.
      Sollte sich nachweisen lassen, dass das o.g. Zitat tatsächlich aus der von Einhard verfassten Vita stammt, so ließe sich der Gebrauch von Gêren immerhin schonmal für vor 840 belegen, da Einhard ja schließlich nur über etwas schreiben konnte, das ihm bekannt war.
      Dass die oben zitierte Kleiderordnung tatsächlich auf Karl den Großen zurückgeht wird jedoch angezweifelt (u.a. hier: kleio.org/de/geschichte/mittelalter/alltag/kap_ii1/). Es wird vermutet, dass ein derartiger Erlass erstmals herausgegeben wurde als im 11. Jh. beim Adel mittige Gêren in Mode kamen und dass man Karl den Große erst rückwirkend als dessen Urheber ausgab.


      Tuniken auf zeitgenössischen bildlichen Darstellungen
      Bei manuscriptminiatures.com bin ich auf unterschiedliche Darstellungen gestoßen, die auf mich den Eindruck machen, dass es bei den Franken zur Zeit der Karolinger sowohl Tuniken mit seitlichen Schlitzen gab, als auch seitlich geschlossene.
      Auf der folgenden Abbildung aus Frankreich, die auf die erste Hälfte des 9. Jh. datiert ist, sind augenscheinlich beide Varianten zu sehen:
      manuscriptminiatures.com/4437/11052/
      Bei der rechten Figur in dem blauen Gewand erkenne ich links und rechts am Rock senkrechte Saumbesätze, von denen ich vermute, dass sie die Einfassung seitlicher Schlitze darstellen.
      Bei der rot gewandeten Figur in der Mitte scheint der Rock keine seitlichen Schlitze aufzuweisen und wirft insgesamt viele Falten. Für mich ist allerdings nicht klar erkennbar, ob es sich womöglich um ein Gewand handelt, das vorne offen ist (und damit nicht um eine Tunika im engeren Sinne).
      Ein deutlicheres Beispiel für eine Tunika ohne seitliche Schlitze erkenne ich auf den folgenden beiden Abbildungen (Frankreich, 8. Jh.) jeweils bei der linken Figur:
      manuscriptminiatures.com/4437/11051/
      manuscriptminiatures.com/4437/11052/
      Auf der 2. Abbildung erkenne ich unten an der roten Tunika einen gelben Saum, der rundherum zu laufen scheint, ohne Anzeichen für seitliche Schlitze oder eine vordere Öffnung. Im unteren Bereich ist die - knapp knielange -Tunika offensichtlich weit genug, um mit gespreizten Beinen stehen zu können, wohingegen sie am Oberkörper so eng sitzt, dass die relativ schmal geschnittenen Ärmel bis deutlich oberhalb der Ellenbogen ausgeführt sind.
      Wenn ich mir vorzustellen versuche, wie ein solcher Sitz erreicht werden kann, dann scheidet für mich eine völlig gerade geschnittene Tunika eigentlich aus. Diese müsste, um unten herum genügend Beinfreiheit zu gewähren, am Oberkörper wesentlich lockerer sitzen und es dürfte schwierig sein, einen Übergang zu so engen Ärmeln hinzubekommen. Da auch keine seitlichen Schlitze zu erkennen sind, wären seitliche Gêren aus meiner Sicht die nächstliegende Erklärung. Für einen Beleg ist mir das allerdings noch erheblich zu spekulativ.

      Kennt sich hier jemand besser mit der fränkischen "Mode" der Karolingerzeit aus und kann womöglich bei der Einordnung der abgebildeten Gewänder helfen?

      Hat womöglich jemand das folgende Buch vorliegen?
      "Die Kleidung nach Quellen des frühen Mittelalters: Textilien und Mode von Karl dem Großen bis Heinrich III" von Mechthild Müller
      Darin gibt es das Kapitel 6 "Die Veränderungen des Tunikabildes in den Jahren 800 bis 1050", welches mich brennend interessieren würde (insbes. hinsichtlich Gêren).Leider ist das Buch für mich aktuell nicht erschwinglich oder sonstwie zugänglich. (Da war ja noch die Sache mit nem Ausweis für die Uni-Bibliothek, die ich endlich mal angehen wollte... :whistling: )

      So weit der derzeitige Stand meiner Recherchen... :bye01
    • Tolle Zusammenfassung!

      Ich habe mich bislang immer am Stuttgarter Spalter orientiert: leo-bw.de/highlights/der-stuttgarter-psalter
      Dort machen die Tuniken und Kleider eher den Eindruck als ob sie ohne Gerenwären, aber dafür insgesamt recht breit geschnitten, so das Geren fürdie Bewegungsfreiheit nicht notwendig sind. Männer trugen in der Regel Gürtel, so dass die Tunika über dem Gürtel geschoppt wurde. Das kann zum Teil auch in den Textilfunden aus Liebenau (Nienburg/Weser) gesehen werden.

      Laut Mechthild Müller kommen Geren erst ab der zweiten Hälfte des 10.Jhds auf. Tuniken haben im Laufe des 8. und 9.Jhd. in den Bildmaterialen (Stuttgarter Psalter, Utrechter Psalter, goldener Psalter) unterschiedliche Weiten, und ggf Schlitze, aber wohl keine Geren.

      Zur Capitulare de Villis gibt es hier noch eine Sammlung von Links:
      geschichtsquellen.de/werk/5514
      Viele Grüße, Anya
    • Fifill schrieb:

      Auf der folgenden Abbildung aus Frankreich, die auf die erste Hälfte des 9. Jh. datiert ist, sind augenscheinlich beide Varianten zu sehen:
      manuscriptminiatures.com/4437/11052/
      Da ist mir doch tatsächlich der falsche Link reingerutscht. m/
      Gemeint war dieses Bild (aus dem Stuttgarter Psalter):
      manuscriptminiatures.com/4868/13168/

      Anya schrieb:

      Tolle Zusammenfassung!
      Danke ^^

      Anya schrieb:

      Ich habe mich bislang immer am Stuttgarter Spalter orientiert: leo-bw.de/highlights/der-stuttgarter-psalter
      Dort machen die Tuniken und Kleider eher den Eindruck als ob sie ohne Geren wären, aber dafür insgesamt recht breit geschnitten, so das Geren für die Bewegungsfreiheit nicht notwendig sind.
      Auf mich machen viele der im Psalter abgebildeten Gewänder den Eindruck, dass sie im unteren Bereich tatsächlich sehr weit sind, im Schulterbereich hingegen eher eng geschnitten. So beispielsweise bei der rechten Figur auf der folgenden Abbildung:
      manuscriptminiatures.com/4868/13196/

      Der farblich abgesetzte Saum scheint mir rundherum um einen weiten Rock zu laufen, ohne irgendwelche Schlitze zur Erweiterung der Beinfreiheit. Im Schulterbereich scheint das Gewand hingegen so schmal geschnitten zu sein, dass die engen Ärmel bis dicht an die Schultern und Achseln hoch reichen.
      Bei einem weiten Schnitt im Schulter- und Brustbereich fällt der Ärmelansatz meiner Erfahrung nach zu den Seiten hin auf die Arme herab und sitzt dann nicht mehr so dicht an Schultern und Achseln. Ich habe zwar noch nie mit so engen Ärmeln experimentiert, kann mir aber nur schwer vorstellen, wie diese bei einem derart weiten Schnitt im Brustbereich komfortabel sitzen können. Vielleicht waren die Ärmel aber auch gerade deshalb so eng geschnitten, um einigermaßen stramm am Arm zu sitzen und nicht ständig runter zu rutschen. Das müsste ich ggf. mal experimentell erforschen...

      Anya schrieb:

      Laut Mechthild Müller kommen Geren erst ab der zweiten Hälfte des 10.Jhds auf. Tuniken haben im Laufe des 8. und 9.Jhd. in den Bildmaterialen (Stuttgarter Psalter, Utrechter Psalter, goldener Psalter) unterschiedliche Weiten, und ggf Schlitze, aber wohl keine Geren.

      Danke für's Nachschauen und den Hinweis! :)

      Mein Zwischenresumee:
      Mit Sicherheit lassen Sich Gêren offenbar für das späte 10. Jh. nachweisen (u. a. anhand der Funde aus Haithabu und Skjoldehamn). Die Interpretation von Bildquellen gestaltet sich hingegen schwierig, da Rückschlüsse auf den konkreten Schnitt der abgebildeten Kleidung viel Spekulation beinhalten.
    • Im Grunde decken sich alle Bilder mit den Funden aus Haithabu.
      Auf den Bildern sieht man fast ausschließlich einen körperbetonten und faltenfreien Schnitt im Brustbereich. Bei einem weiten Schnitt wäre das nicht möglich.

      Einige Fragmente in Haithabu zeigen eine zweigeteilte Tunika - obenrum relativ eng, und an der Taille ist ein sich nach unten verbreiterndes Schurzteil angesetzt, welches durch eingearbeitete Geren (seitlich, und teilweise auch noch zusätzlich vorne bzw. ggf. hinten) noch weiter wird.

      Dieser Schnitt deckt sich hervorragend mit den Abbildungen.
    • Konnte nun auch die Passage aus "Höfische Kultur – Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter" von Joachim Bumke überprüfen:

      "Da traf er (Karl) sogleich Bestimmungen über die Kleidung der Bauern. Die wurden vom Papst bestätigt. Jetzt will ich euch sagen, was der Bauer nach dem Gesetz tragen durfte: nur Schwarz oder Grau, nichts anderes erlaubte der Kaiser. Keilstücke nur an den Seiten, das ist seinem Stand gemäß, und Schuhe aus Rindsleder, sonst nichts. 7 Ellen Stoff auf Hemd und Hose, aus grobem Tuch. Wenn er Stoffkeile hinten und vorne trägt, hat er gegen seinen Stand verstoßen."

      Diese stammt nicht aus der Vita Caroli Magni, sondern (Bumke himself zufolge) aus der zwischen 1140 und 1150 verfassten "Kaiserchronik".
    • Fifill schrieb:

      Auf mich machen viele der im Psalter abgebildeten Gewänder den Eindruck, dass sie im unteren Bereich tatsächlich sehr weit sind, im Schulterbereich hingegen eher eng geschnitten. So beispielsweise bei der rechten Figur auf der folgenden Abbildung:manuscriptminiatures.com/4868/13196/

      Der farblich abgesetzte Saum scheint mir rundherum um einen weiten Rock zu laufen, ohne irgendwelche Schlitze zur Erweiterung der Beinfreiheit. Im Schulterbereich scheint das Gewand hingegen so schmal geschnitten zu sein, dass die engen Ärmel bis dicht an die Schultern und Achseln hoch reichen.
      Bei einem weiten Schnitt im Schulter- und Brustbereich fällt der Ärmelansatz meiner Erfahrung nach zu den Seiten hin auf die Arme herab und sitzt dann nicht mehr so dicht an Schultern und Achseln. Ich habe zwar noch nie mit so engen Ärmeln experimentiert, kann mir aber nur schwer vorstellen, wie diese bei einem derart weiten Schnitt im Brustbereich komfortabel sitzen können. Vielleicht waren die Ärmel aber auch gerade deshalb so eng geschnitten, um einigermaßen stramm am Arm zu sitzen und nicht ständig runter zu rutschen. Das müsste ich ggf. mal experimentell erforschen...
      Die Schultern sind recht eng, da stimmt ich mit dir überein, und die Ärmel sind so eng, dass ich mich manchmal frage, wie man da überhaupt reinkommt.
      Aber wenn man sich dann mal anschaut, wieviel Stoff um den Bauch ist, der fällt auf jeden Fall über den Gürtel rüber, somit muß dort schon eine gewisse Weite vorhanden sein.
      Die Frage ist natürlich auch, inwieweit man ggf mit A-förmigem Körperteil gearbeitet hat.
      Das Argument ist ja immer, dass es sich hier damit um Stoffverschwendung handelt. Ich habe ein kurzärmliches, A geschnittenes Kleid, also im Grunde ein Teil, da die Ärmel im Schnitt sind und nicht angenäht und oben auch keine Schulternaht. Die Dreiecke, die ich zwischen Ärmel und Kleidersaum geschnitten habe, habe ich als für die Säume benutzt, also kaum Verschnitt.
      Viele Grüße, Anya
    • @Anya - Ein solcher Schnitt ist allerdings für das Frühmittelalter nicht belegt ;)
      Sämtliche Funde haben einen ziemlich geraden Schnitt im oberen Bereich, und die Ärmel sind dabei stets separat angesetzt.
      Und wenn man sich die teilweise extrem weiten Schurzteile anschaut, sind die alles andere als 'Stoff sparend'.
      Aber genau das ist ja auch die Idee dahinter. Nur wegen der Bequemlichkeit wären so große (und teilweise viele) Geren nicht erforderlich.
    • @Hendrik1975_Ersatz, ich weiß ;)

      Für das 5./6. Jahrhundert gibt es gar keine (einheimischen) Schnitte, nur ein paar Stofffetzen, und für das 9./10. Jhd. sieht es auch mau aus, wenn man nicht gerade bei den Wikingern schaut, deren Funde nicht immer mit den Psalterabbildungen übereinstimmen. Klar, muß ja auch nicht, ist ja auch ein anderer Kulturkreis gewesen, selbst wenn Beeinflussungen gewesen sein werden.

      Es tauchen in den Psaltern (z.b. Codex Egberti) tauchen immer wieder kurzärmlige Kleider auf, wo es so aussieht, als ob der Arm überschnitten und nicht angesetzt ist. Wenn man nun von überschnittenen Ärmeln ausgeht, wäre es nur sinnvoll, wenn man den restlichen Stoff auch nutzen würde. Nee, klar, das ist natürlich kein Argument. Meine Ärmel sind lediglich 5cm überschnitten, d.h. meine A-Form ist unten 5cm breiter, was so erstmal gar nicht auffällt. Im Gegensatz zu den Männern tragen die Frauen keinen Gürtel auf den Abbildungen und viele der Kleider sind im Brustbereich auch nicht so weit geschnitten wie bei den Männern und fallen recht senkrecht, Musterung,Straffur/Faltenwurf lassen nicht unbedingt auf Geren schließen. Um genug Beinfreiheit zu haben, habe ich mich zu der A-Form entschieden, aber das ist lediglich meine Interpretation einiger Abbildungen. Mittlerweile bin ich etwas in die Breite gegangen, so dass ich das gesamte Kleid breiter machen würde, auf die A-Form verzichten kann und trotzdem genug Beinfreiheit hätte ;)
      Viele Grüße, Anya
    • Habe nun dank glücklicher Umstände doch das Buch "Die Kleidung nach Quellen des frühen Mittelalters" von Mechthild Müller vorliegen und versuche derzeit die Beobachtungen und Analysen der Autorin hinsichtlich der damaligen Tunikaformen und ihrer Entwicklung anhand der von ihr genannten Bildquellen nachzuvollziehen.

      Die Tunikaform zu Beginn des 9. Jh. beschreibt Müller als gerade geschnitten und etwa knielang mit daran angesetzten, eng geschnittenen, langen oder sogar überlangen Ärmeln, die am Handgelenk eng abschlossen und im Unterarmbereich geschoppt sein konnten. Um die Taille wurde die Tunika mit einem Gürtel zusammengehalten, welcher jedoch unter der Schoppung verschwand. Mit Blick auf den Schnitt des Tunikaschoß (Stichwort Beinfreiheit) identifiziert Müller 3 Grundvarianten, von denen die erste für mich von besonderem Interesse ist, da sie ohne (seitliche oder frontale) Schlitze auskommt:
      Die Tunika ist durchlaufend weit geschnitten, wodurch auch der deutliche Bausch über dem Gürtel entsteht. Diesen Schnitt identifiziert Müller u.a. auf einer Abbildung aus dem Lorscher Evangeliar, welche die Vorfahren Jesu zeigt (siehe digi.ub.uni-heidelberg.de/digl…mage/bnr_msrII1/4/027.jpg).
      Ich vermute, dass dieser Schnitt auch in den beiden Abbildung aus dem 8. Jh. dargestellt ist, welche ich weiter oben erwähnt hatte:

      Fifill schrieb:

      Ein deutlicheres Beispiel für eine Tunika ohne seitliche Schlitze erkenne ich auf den folgenden beiden Abbildungen (Frankreich, 8. Jh.) jeweils bei der linken Figur:

      manuscriptminiatures.com/4437/11051/
      manuscriptminiatures.com/4437/11052/
      Insbesondere auf dem 2. Bild ist ein deutlich erkennbarer Bausch über der Gürtung zu erkennen. Diese spricht für mich bei näherem Hinsehen tatsächlich gegen unterschiedliche Weite von Oberteil und Schoß der Tunika, wie sie durch das Einsetzen von Gêren entsteht.

      Als Variante 2 beschreibt Müller einen oder 2 seitliche Schlitze, welche auf den zeitgenössischen Abbildungen durch dekorative Borten hervorgehoben sind. Variante 3 bildet ein gewickelter Tunikaschoß mit frontaler Öffnung entweder auf Stoß oder in der Art eines Wickelrocks. Beide Varianten finden sich u.a. im Stuttgarter Psalter.

      Nun aber zu der Frage, wie eine derart weite Tunika mit so engen Ärmeln am Oberkörper vernünftig sitzen kann: An 2 Stellen erwähnt Müller ein "Brustband", durch welches die Tunikaweite im Oberteil eng zusammengenommen werde. Ein solches erkennt sie auf 2 Abbildungen aus dem Stuttgarter Psalter:
      manuscriptminiatures.com/4868/13171/
      iconographic.warburg.sas.ac.uk…h/record.php?record=32120

      *angestrengtes Starren* 8|
      Ähm... Ich seh nix derartiges, mir fehlt es dazu offenbar an der nötigen modedesignerischen Phantasie. ?(
      Hat jemand eine Ahnung, wie man sich dieses "Brustband" vorstellen kann?

      Nichtsdestotrotz nehme ich den Hinweis auf jenes ominöse "Brustband" in sofern in meine Überlegungen auf, als es fraglos diverse Möglichkeiten gibt, um einen Sitz der Tunika wie in den genannten Abbildungen zu erreichen, wobei Gêren lediglich eine unter vielen (und angesichts der voluminösen Bauschung über dem Gürtel doch wiederum eher unwahrscheinliche) darstellen.

      Als weitere Möglichkeit habe ich weiter oben ja schon den eng anliegenden Sitz der Ärmel in Betracht gezogen, welcher für die Tuniken im frühen 9. Jh. tatsächlich charakteristisch gewesen zu sein scheint. Diese Hypothese we
      iter zu ergründen, werde ich ebenfalls versuchen.

      Ich werde hoffentlich in den nächsten Tagen dazu kommen, die weiteren Analysen von Müller zur Entwicklungen der Tunika im FrühMi nachzuvollziehen und dann hier mit Blick auf das Thema Gêren zu erläutern. Einstweilen sei schonmal erwähnt, dass auch Müller da
      s Aufkommen von deutlich erkennbaren Gêren zur Erweiterung des Tunikaschoß in die zweite Hälfte des 10. Jh. (in die 960er Jahre) datiert, jedoch einräumt, dass diese Schnittvariante vielleicht auch schon früher in Maßen Verwendung gefunden haben kann.

      Dieser Drops ist also noch nicht fertig gelutscht... :D