Reenactment Werkstatt

Alamannisches Alltagsmesser

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    • Alamannisches Alltagsmesser

      Alamannisches Alltagsmesser
      Klinge: 11,5 x 2,5 x 0,2 cm
      Griff: Ahorn
      Messerscheide: Kalbsleder
      Anspruch: belegorientiert / nach Einzelfunden

      Dieses Mal war ich mal wieder völlig abseits meiner üblichen Region und Zeit unterwegs.
      Es sollte ein einfaches Gebrauchsmesser für einen Alamannen in Süddeutschland, ca. 5. Jh. sein.
      Da es sich um ein Einzelprojekt handelte, habe ich bei meiner Recherche nur frei verfügbare Quellen im Netz sowie persönliche Einzelhinweise und Informationen genutzt.

      Als Grundlage diente mir die Dissertations-Arbeit "Die Alamannen im Zollernalbkreis" aus dem Jahre 2005 von Georg Schmitt. In den dort aufgeführten Gräbern werden 97 Messer beschrieben, von denen lediglich die Klingen bzw. deren Fragmente erhalten sind.
      Die Formen der Klingen reihen sich weitestgehend in die Funde früherer und späterer Jahrhundert ein. Außergewöhnlich empfand ich lediglich die Länge der Klingen, von denen die kürzeste bereits stattliche 15 cm betrug.

      Um jegliche potentielle Konflikte mit dem deutschen Waffengesetz zu vermeiden habe ich die Klingenlänge auf sichere 11,5 cm begrenzt.
      Als Form habe ich einen schlichten Klassiker gewählt, mit geradem Rücken und parallel verlaufender Schneide, die nach vorne hin leicht bogenförmig zur Spitze ausläuft.
      Breite und Dicke entsprechen dem Fundmaterial.
      Die Form habe ich aus Flachstahl ausgesägt und per Hand zurecht gefeilt. Anschließend ausgeglüht und in Öl gehärtet.

      Hinsichtlich des Griffes mußte ich mich an anderen Quellen orientieren. Hier wurde mir geschildert (Dank an Jürgen Graßler), dass sowohl längsovale als auch tropfenförmige Querschnitte gefunden wurden. Wie bei den Klingenformen entspricht auch dies den anderweitig bekannten Funden.

      Ich habe mich für den tropfenförmigen Querschnitt entschieden, beim Material fiel meine Wahl auf Ahornholz. Dieses war zur gegebenen Zeit und Region verfügbar und somit plausibel.
      Ausgangsmaterial war ein Ast in passender Dicke, geschnitzt, gefeilt, und mit Sandpapier geglättet.

      Um die Angel im Griff zu befestigen, habe ich zunächst ein tiefes Loch von vorn in den Griff gebohrt, die Klinge im Schraubstock eingespannt, die Angel bis zur Rotglut erhitzt, und dann den Griff von oben mit dem Hammer auf die Angel geschlagen.
      Dadurch brennt sich die Angel recht passgenau in den Griff ein.
      Nach dem Abkühlen habe ich beides mit ein wenig modernem Kleber zusätzlich gesichert.
      Sitzt nun bombenfest.

      Bei der Verzierung des Griffs habe ich mich von Randverzierungen der Trossinger Leier inspirieren lassen. Vorne am Griff habe ich parallele Linien mit einfachen Punkten eingeschnitten, hinten parallele Linien mit Treppenmuster dazwischen.
      Bei der Leier wurden in den Vertiefungen verkohlte Pflanzenreste gefunden - ein deutlicher Hinweis auf einen farblichen Kontrast zum hellen Ahornholz des Korpus.
      Meine Linien habe ich dementsprechend mit rußgeschwärztem Bienenwachs verfüllt.

      Den gesamten Griff habe ich anschließend mit Stahlwolle poliert und mit Leinöl mehrfach geölt.

      Die Scheide habe ich aus dünnem, vegetabil gegerbtem Kalbsleder nass an das Messer angeformt und trocknen lassen.
      Normalerweise hätte ich das Ganze nun mit einem Sattlerstich einfach vernäht.
      Hier wurde ich dann allerdings auf ein interessantes Detail aus dem Gräberfeld Rhenen aufmerksam gemacht (Dank an Dirk Eppler für den Hinweis und das Bild). Dort sind bei einer Messerscheide am Rand Schlitze in das Leder geschnitten, durch die doppelt gelegtes, gewachstes Leinengarn die Lederlagen miteinander fixiert.

      Habe ich dann auf die gleiche Weise gemacht. Schaut (für mich zumindest) ungewohnt aus, hat aber einen besonderen Charme.

      In eingangs erwähnter Dissertation wird berichtet, dass sich die Messerfunde bei weiblichen und männlichen Gräbern deutlich unterscheiden.
      Während in den weiblichen Gräbern die Klinge meistens vertikal am linken Oberschenkel vorgefunden wurde, war sie in den meisten männlichen Gräbern horizontal am Becken platziert.
      Diese Anordnung wird so gedeutet, dass die Frauen ihre Messer an den Gürtel gehängt haben, und Männer ihre Messer in einer Tasche (liegend) bei sich führten.

      Aus diesem Grunde habe ich die Scheide nur mit einem einfachen Lederband versehen, was sich leicht entfernen lässt. So hat man jederzeit die freie Wahl zwischen beiden Möglichkeiten.

      Zeitaufwand:
      Je einen Abend für Klinge, Griff, und Messerscheide
      Bilder
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    • Sehr schöne Arbeit,

      Ich setzte die klinge genauso wie du ein nur nicht so heiß um nich die Härte wieder aus der Klinge zu nehmen.
      Vorher zerkrümel ich ein wenig Birkenteer und Fülle es in das Loch.
      Durch die Hitze der Klinge schmilzt das Teer und füllt die Hohlräume aus beim vorsichtigen aufschlagen des Griffe.
      Das macht die Klinge schön dicht gegen den Griff. Überschüssiges Teer schneide ich dann nach dem festwerden ab.
      Bis jetzt hat sich trotz hebeln noch keine Klinge gelöst
    • Hallo Hendrik,
      eine Gruppe Namens Pechraben aus Mecklenburg- Vorpommern haben auf den Märkten oft Pech hergestellt.
      Ggf. ist dies eine nutzbare Quelle, dort mal anzufragen.
      pechraben.jimdofree.com/pechherstellung/

      Sie kommen aus Anklam und Umgebung, dort genauer in Menzlin gibt es auch eine Wikingerzeitlcihe Steinsetzung von 13 Archäologisch untersuchten Schiffsfoörmigen Steinsetzungen.
      Diese liegen idillisch auf einer Anhöhe in einemn kleinen mit recht vielen Eichenbesetzten ansonsten Mischwald an der Peene.

      Letztes Jahr schlugen dort, leider mitten auf und innerhalb der Steinsetzungen, Tagesbesucher ihr Picknick auf.
      Nun was den einem Ehre erbietet ist dem Nächsten mal gleich egal...

      Gruß Olegsson