Quellen zum Götterglauben bei Germanen?

This site may earn a commission from merchant affiliate links, including eBay, Amazon, and others.
P

Perchta

Guest
Hallo. Ich möchte jetzt doch mal eine Frage stellen. In den letzten Tagen habe ich mich so ein bißchen im Netz herumgetrieben und bin auch immer mal wieder auf Angaben zur Religion und Mythologie der Germanen gestoßen. Eigentlich habe ich mich früher nie mit "germanischen" Mythen beschäftigt. In der Sagensammlung, die ich als Kind hatte, waren wohl in erster Linie nordische Sagen vertreten. Es sind nun ja aber durchaus nicht alle Germanen Skandinavier gewesen ^^ . Trotzdem wird, wie ich finde, dem Laien beim Lesen eher das Gefühl vermittelt, das "germanische" Götterpantheon sei ziemlich einheitlich gewesen (Odin, Thor, Tyr, Asen, Riesen etc.). Nun also meine Frage: Woher weiß man denn überhaupt etwas von den religiösen Vorstellungen der germanischen Stämme? Kann man regionale Unterschiede und Besonderheiten erkennen? - Archäologische Funde auf religiöse Ideen hin zu interpretieren halte ich für schwierig bis unmöglich, wenn man schon ganz normale Kleidung kaum zweifelsfrei rekonstruieren kann. Aber gibt es außer den sehr frühen, römisch eingefärbten Angaben bei Tacitus (die ich gerade überflogen habe) und den sehr späten Sagensammlungen aus Skandinavien (die ich nie gelesen habe :whistling: ) überhaupt schriftliche Überlieferungen über den Götterglauben einerseits oder die konkreten Kultpraktiken andererseits? Woher weiß man, was man weiß?
 
Hallo Perchta, ich glaube, den Götterglauben mit einer zeitlichen Distanz von über 2000 Jahren erfassen zu wollen wird unweigerlich an unserer heutigen Denk- weise scheitern. Es ist einiges über die (teilweise sehr ähnlichen) Götter der Germanen/ Wikinger bekannt. Aber wie genau die Verehrung (Riten, Opfer, ...) stattfand, läßt sich aufgrund der fehlenden Primärquellen ohne schrift- liche Belege nicht gut dokumentieren. Manches kann man an den Kultstätten selbst erahnen. So ist die Aus- richtung/die Lage mancher Kultstätten Zeugnis dafür, wozu sie dienten, bzw. wo und wie viele Menschen darum herum lebten. So habe ich vor ein paar Tagen zum beispiel in einem Buch über Gotland gelesen, dass die Kultplätze (an denen übrigens in späterer Zeit fast ausnahmslos Kirchen errichtet wurden!) im Landesinneren meist 1 Std. Fußweg auseinander lagen, weil es in den einzeln gelegenen Gehöften (meist 5) üblich war, an einem zentral gelegenen Punkt für alle Anwohner einen gemeinsamen Platz zu schaffen. Viele der uns heute bekannten christlichen Bräuche (Weihnachstmann/ Wotan, der zur Erde kommt) sind auch aus den "alten" Glaubensgeschichten abgeleitet und es gibt Heilige, die dem Namen nach an die alten Götter angelehnt sind (Birgit). Die Genzen verschwimmen. Und ich glaube, wir haben heute Probleme, uns auf den natürlichen, an den Belangen der Natur festgemachten Glauben einzulassen. Wo z.B. früher die erste Blume des Jahres ein (gutes!) Zeichen war, da bemerken wir es heute gar nicht mehr. Oder wir haben den Bezug dazu verloren. Es ist nicht umsonst so, dass kaum jemand heute noch Wissen über Pflanzen und Tiere hat. Es ist einfach nicht mehr lebensnotwendig. Wenn man Fakten zu Göttern haben möchte, gibt es wenige, sehr negativ eingefärbte Berichte. Mein allseits geliebter Ibn Fadlan beschreibt eine Begräbniszeremonie. Und es gibt wohl aus dem römischen Reich zwei Autoren, die sich mit dem Thema der Germanen auseinander ge- setzt haben. Es sind Plinius der Ältere. Ein sehr schreibwütiger Mensch. Er verfasste naturkundliche Werke und 20 Bücher über den römischen Germanien- krieg (bella Germaniae). Ob (und was) er sich über den Glauben der Germanen ausläßt, weiß ich allerdings nicht. Dann ist da noch Tacitus. Bei ihm dürfte man eher fündig werden, da er die Germanen in seinem Werk beschreibt. Allerdings ist auch er vorein- genommen. Aber es ist quasi ein Augenzeugenbericht ... http://mittelalter.regensburg-weblog.de/bibliothek/tacitus-ueber-ursprung-und-leben-der-germanen/ Tacitus: Über Ursprung und Leben der Germanen Sooo, das war mein Roman. Und ... schön, dass sich noch jemand mit den Sagen der alten Götter befasst. Ich finde die Ideen schön, die dahinter stehen. Die Nornen bieten mir zum Beispiel immer wieder neue Eindrücke ... Kadlin
 
Danke dir für die (sehr ausführliche ^^ ) Antwort, Kadlin. Ich habe mir schon fast gedacht, daß eine exakte Antwort auf die Frage wohl gar nicht möglich ist. Tacitus war eigentlich sogar ein bißchen mit der Auslöser für meine Frage. Der nennt als wichtigsten Gott der Germanen (dem auch Menschenopfer dargebracht wurden) nämlich "Merkur". Im Kommentar-Anhang des Buches wurde das dann ohne weitere Begründung mit "Wotan/Odin" gleichgesetzt. Und meine Kenntnisse der römischen Mythologie sind ja nun auch nicht so dolle, aber Merkur kenne ich eigentlich als Gott des Handels und Beschützer der Reisenden, im weiteren Sinne vielleicht noch als allgemeiner Kulturbringer. Ich hätte ihn jetzt nicht unbedingt auf Anhieb mit so einem weisen Übervater-Gott wie Wotan in Verbindung gebracht. Daher meine Frage, inwieweit das Bild, das man aus den bekannten Sagen so gängig vom germanischen Götterpantheon hat, überhaupt stimmig ist, und wie allgemeingültig. Oder ob man Hinweise hat, daß an unterschiedlichen Orten zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Götter verehrt wurden (hatten die Sachsen nicht "Saxnot" als Hauptgott?). Plinius klingt jedenfalls wie ein vielversprechender Tipp, vielleicht finde ich ja da was ;) .
 
Zuletzt bearbeitet:
Original von Perchta Tacitus war eigentlich sogar ein bißchen mit der Auslöser für meine Frage. Der nennt als wichtigsten Gott der Germanen (dem auch Menschenopfer dargebracht wurden) nämlich "Merkur". Im Kommentar-Anhang des Buches wurde das dann ohne weitere Begründung mit "Wotan/Odin" gleichgesetzt.
Die Römer haben für die germanischen Götter die Bezeichnung iherer Götter verwendet. Das kommt also von den Römern. Tacitus lebte im 1. Jhd. n. Chr.. dei Beschreibungen geben also nur einen Hinweis auf die Zeit (und das aus Sicht eines Römers). Ich kenen aus meiner Heimatregion den Fund zweier Holzfiguren (standen im Moor an einem Bohlenweg). Was sind das für Figuren? Vielleicht Götter? Keiner kennt die Namen...
Daher meine Frage, inwieweit das Bild, das man aus den bekannten Sagen so gängig vom germanischen Götterpantheon hat, überhaupt stimmig ist, und wie allgemeingültig. Oder ob man Hinweise hat, daß an unterschiedlichen Orten zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Götter verehrt wurden (hatten die Sachsen nicht "Saxnot" als Hauptgott?).
Es wurden wohl in jeder Region andere Götter verehrt, zudem kann jeder eine andere Gottheit bevorzugt haben, man hatte da halt die Auswahl (wenn es auch sicherlich regionale und Stammesgottheiten gab) denn dass ist doch ein wesentlicher Inhalt des Polytheismus. Im Gegensatz zur grundsätzlichen Aussage monotheistischer Religionen "du sollst keine Götter haben neben mir". ;) So konnte z.B. ein heidnischer Wikinger gleichzeitig auch Jesus als Gott hinzunehmen (Jesus als weiter Gott im heidnischen Pantheon lässt sich nachweisen) Umgekehrt, als Christ noch einem weiteren Gott zu verehren, ist unmöglich.
 
Hallo Perchta, was mir eben wieder eingefallen ist; die Götter waren sich damals "ähnlich". Das ist mir damals aufgefallen, als ich mich mit den Göttern der Slawen befasst habe. Einen schönen Überblick findet man, wenn man in Wikipedia unter "slawische Götter" nachschaut. Dort werden Verweise, Überlegungen und Berichte erwähnt, die sich mit dem Thema befassen. Und ich denke, im weitesten Sinne zählen auch die Götter der Slawen zu Deiner Frage, oder? Ist auf jeden Fall ein interessantes Feld. Auch wenn jedes Detail, dass Du herausfindest, weitere Fragen aufwirft statt alte zu beantworten :rolleyes: Kadlin
 
Original von Beate Die Römer haben für die germanischen Götter die Bezeichnung iherer Götter verwendet. Das kommt also von den Römern.
Das hatte ich schon verstanden :D. Mich hat nur die Art der Gleichsetzung gewundert. Wieso setzt Tacitus Wotan (falls der germanische Name wirklich Wotan war) ausgerechnet mit Merkur gleich? (Oder andersherum - warum erkennen die Herausgeber in Tacitus' "Merkur" den germanischen Wotan?) Die zwei Gottheiten kommen mir sowohl in der Darstellung (nackter Jüngling mit neckischem Mützchen / einäugiger bärtiger Recke mit Rabe auf der Schulter) als auch in der Funktion (Gott des Handels und Reisens / weiser Göttervater und Anführer der Wilden Jagd... obwohl, vielleicht könnte man die 'Wilde Jagd' noch als "Reisen" durchgehen lassen :D ) so überhaupt nicht ähnlich vor. Oder vergesse ich da ein paar ganz wichtige Aspekte einer der beiden Gottheiten?
Original von Beate Es wurden wohl in jeder Region andere Götter verehrt, zudem kann jeder eine andere Gottheit bevorzugt haben, man hatte da halt die Auswahl (wenn es auch sicherlich regionale und Stammesgottheiten gab) denn dass ist doch ein wesentlicher Inhalt des Polytheismus. Im Gegensatz zur grundsätzlichen Aussage monotheistischer Religionen "du sollst keine Götter haben neben mir". ;)
Wobei es, meine ich, schon auch in polytheistischen Religionen Spannungen unter den Anhängern einzelner Gottheiten gab, oder? Gab es nicht auch im republikanischen Rom Versuche, "importierte" Kulte zu untersagen? Und in Griechenland zu Beginn Probleme für den Dionysos-Kult? Aber das ist eigentlich genau, was ich mit meiner Frage meinte. Die Vielfalt der Gottheiten und Kulte dürfte also doch weit größer gewesen sein, als das relativ klare und überschaubare nordische Götterpantheon glauben machen könnte, ja? Mir ging's in erster Linie darum, inwieweit man Angaben aus der Edda (um 1250 in Island, glaube ich?) so ohne Weiteres zum Beispiel auf Süddeutschland um 500 übertragen kann (nach dem Motto: Die Germanen haben alle Wotan & Friends angebetet, und damit basta). Also wohl doch eher mit großer Vorsicht und Fragezeichen? @ Kadlin: Vielen Dank für den Verweis auf die slawische Mythologie. Davon weiß ich bisher wirklich absolut nichts, und da scheint die regionale Vielfalt der Götterwelt ja wirklich sehr groß gewesen zu sein! Den Text werde ich mir heut abend mal in aller Ruhe zu Gemüte führen.
 
Original von Perchta Mich hat nur die Art der Gleichsetzung gewundert. Wieso setzt Tacitus Wotan (falls der germanische Name wirklich Wotan war) ausgerechnet mit Merkur gleich? (Oder andersherum - warum erkennen die Herausgeber in Tacitus' "Merkur" den germanischen Wotan?)
Wer weiß, was die Römer in den germanischen Göttren für Ähnlichkeiten erkannt haben? Die zwei Gottheiten kommen mir sowohl in der Darstellung (nackter Jüngling mit neckischem Mützchen / einäugiger bärtiger Recke mit Rabe auf der Schulter) Na, das Bilder sind ja größtenteils erst später entstanden. Wie sich ein Germane Wotan vorgestellkt hat, wissen wir doch garnicht. Ähnlichkeiten, die wir heute zu erkennen meinen, sind zumeist ein Produkt neuzeitlicher Sehweise. Und damit meinen wir dann auf Darstellungen "eindeutig" Thor etc. zu erkennen. :D
Mir ging's in erster Linie darum, inwieweit man Angaben aus der Edda (um 1250 in Island, glaube ich?) so ohne Weiteres zum Beispiel auf Süddeutschland um 500 übertragen kann (nach dem Motto: Die Germanen haben alle Wotan & Friends angebetet, und damit basta). Also wohl doch eher mit großer Vorsicht und Fragezeichen?
Ja. Aus der Edda lässt sich doch nur der Götterglauben in Island halbwegs sicher ableiten. Halbwegs, weil es eben erst viel später aufgeschrieben wurde. Island trat im Jahre 1000 geschlossen zum Christentum über (zumindest offiziell). Von da auf den Glauben in Süddeutschland um 500 zu schliessen, halte ich für sehr spekulativ.
 
Oh ja, die Diskussion schaut mir wirklich interessant aus ^^ . Kommt heute abend gleich nach dem Slawen-Artikel dran. Vielen Dank!
 

Neueste Beiträge

Oben