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Schuppenpanzer im Lauf der Geschichte

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    • Schuppenpanzer im Lauf der Geschichte

      Nachdem in anderen Bereichen dieses Forums der Schuppenpanzer hoch und runter diskutiert wurde und es Probleme bei der Herstellung gibt, möchte ich in diesem Thema einige zusammenfassende Klarheit einbringen:

      - Geschichte des Schuppenpanzers
      - Schuppenpanzer in der Antike, Mittelalter und Neuzeit mit Bildbelegen
      - Schuppenpanzerfunde/ -belege in Nordamerika
      - Bau eines Schuppenpanzers für das Mittelalterhobby

      Basierend auf meinem Vortrag zum Kreuzfahrertreffen 2019 auf der Tannenburg, ist es auf Grund des Umfangs nicht möglich, alles mit einmal darzulegen. Dies wird hier in mehreren Fortsetzungen erfolgen.

      Beginnen wir wortwörtlich beim "Urschleim"...

      Der Schuppenpanzer ist die älteste und und immer noch existierende Rüstung der Welt.
      Sein Alter beträgt rund 200 Millionen Jahre.
      Dinosaurier, Echsen, Reptilien und Fische schützten und schützen sich mit überlappenden Schuppen.
      Eine modernere Art von Schuppen am Körper tragen seit etwa 47 Millionen Jahren die verschiedenen, in Asien und Afrika beheimateten Schuppentiere.
      Sie schützen diese Säugetiere vor Freßfeinden, sind scharfkantig und sehr flexibel. Je nach Art besteht die "Rüstung" der Schuppentiere aus 190 - 260 Schuppen.

      Dass es keine Rüstung ohne Schwachstellen gibt, lehrt uns die Natur: die Bauchseite der Tiere ist ungeschützt. Deshalb rollen sie sich bei Gefahr zusammen, dabei stehen die Schuppen nach außen ab wie bei einem geöffneten Tannenzapfen.

      Vermutlich liegt hier der Ursprung der antiken Schuppenrüstungen.
      Ein flexibler, guter Schutz, bei dem aber nicht alle Bereiche abgedeckt werden können.
      Rüstungen aus den Schuppen getöteter Schuppentiere sind aus ganz Asien bekannt.
      Da diese Schuppen immer noch begehrt sind stehen die Tiere unter Schutz, leider werden sie für zahlungskräftige Kunden gewildert.

      Irgendwann kam ein findiger Kopf auf die Idee, die Schuppen aus Metall nachzuahmen, was einen noch besseren Schutz bot.
      Dazu in Kürze mehr.


      Malaiisches Schuppentier, Borneo, (wikipedia file)


      Jacke aus Schuppentierschuppen, England/ Asien 1820 (wikipedia file)
      Lieber eine starke Behauptung als ein schwacher Beweis!
    • Teil 2:

      Die "lorica schuppicata" auf der Trajanssäule


      Quelle: wikipedia file

      Wohl jeder, der sich mit der Thematik beschäftigt (hat), kennt diese Abbildung.
      In verschiedenen threads hier im Forum wurde diese Rüstung diskutiert. Das müssen wir nicht aufwärmen.
      Laut einiger Meinungen hier gilt dieser Panzer als "unanziehbar".
      Vertieft man sich jedoch in das Teil, so wird man feststellen dass dem nicht so ist. Allerdings hängt das mit der grundlegenden Problematik einer guten Reproduktion zusammen.
      Doch darauf möchte ich ganz zum Schluss dieser Reihe zurückkommen.
      Das Problem ist das Ansetzen der Ärmel. Beim Ringpanzer kein Problem, stößt man hier auf einige vermeintliche Schwierigkeiten.
      Man ist versucht, das Ärmelproblem so zu lösen wie bei der Pangolinjacke von 1820 im vorigen Beitrag. Ähnliche Umsetzungen findet man auch bei reenactors der römischen Antike im Netz.
      Allerdings ist die Lösung ebenso einfach wie genial.

      Das versuche ich mal textiltechnisch zu erklären. Man nehme eine Tunika/ Cotte bei welcher die Ärmel eingesetzt sind wie heutzutage bei einem Hemd oder Sakko. Jetzt stellt Euch vor, wir schneiden parallel zum Halsausschnitt 10 - 15 cm rundum ab. Armkugel weg, Halsausschnitt bis zur Brust weg.
      Dann nehmen wir eine Gugel mit enganliegendem, bis auf die Brust reichendem Kragen. Die Kapuze schneiden wir ab und nähen den Kragen an die verschnittene Cotte, sodass wir wieder ein komplettes Kleidungsstück haben. Das heißt, das Rumpfteil der Cotte sowie die Ärmel sind an den Gugelkragen angenäht.
      Und jetzt stellt Euch vor, dieser Gugelkragen wurde parallel zur unteren Kante, von dieser bis zum Halsausschnitt mit Schuppen besetzt. Die Ärmelröhren, die nach dem ersten Schnitt noch übrig waren sind ebenfalls rundum beschuppt und der Rumpf der Cotte auch. Nun habt Ihr die Rüstungskonstruktion wie auf der Trajanssäule abgebildet.

      Ich habe das mal eingezeichnet um meine Theorie etwas deutlicher zu machen.
      Natürlich muss man die Schuppen, da sie im Schulterbereich im Bogen liegen und die Reihen sich zum Hals hin verjüngen, entsprechend zuschneiden. Halt wie Schieferplatten, mit denen man ein rundes, spitzes Turmdach eindeckt.


      Quelle: wie vor, bearbeitet

      Das soll zur Antike reichen, im nächsten Beitrag begeben wir uns kurz ins Frühmittelalter,
      zu Rüstungsteilen mit denen @Sky schon einige Erfahrungen gesammelt hat.
      Lieber eine starke Behauptung als ein schwacher Beweis!
    • Teil 3:

      Mini kommt in Mode


      Quelle: manuscripminiatures.com

      Diese Abbildung aus dem Stuttgart-Psalter von ca. 801-850, Folio 005v ist ebenfalls wohlbekannt.
      Der Krieger links trägt eine den ganzen Körper bedeckende Rüstung, die anderen beiden nur von der Hüfte abwärts.
      Wie diese modischen Kreationen aufgebaut waren überlassen wir den experimentellen Archäologen.
      Worum es bei dem Bild geht ist die Präsenz von Schuppenrüstung als einzige Rüstungsvariante. Auch auf den anderen Abildungen des Psalters findet man keine Kette oder gar Platte. Auch trägt nicht jede Person eine Rüstung.

      Das soll es zu diesem Zeitabschnitt auch schon gewesen sein, wir konzentrieren uns dann mal aufs Hochmittelalter, denn da wird es spannend.

      Übrigens...
      ...fand ich im Herbst letzten Jahres eine süddeutsche Realie.
      Dazu mehr im nächsten Beitrag.
      ^^
      Lieber eine starke Behauptung als ein schwacher Beweis!
    • Exkurs:

      Schwarzwälder "Schuppenpanzer"

      Nach einer längeren Pause möchte ich heute eine Realie zeigen,
      die in einem Museum im Schwarzwald ausgestellt ist
      Dieses Museum ist ein Schwarzwälder Bauernhaus, dessen Bewohner außerdem Dinge des täglichen Bedarfs aus Holz herstellten, unter anderem Dachschindeln.

      Natürlich ist es kein mittelalterlicher Schuppenpanzer,
      dennoch ist sehr schön die Anordnung zu sehen.
      Die Schindelschuppen sind vermutlich mit einem starken Bindfaden auf einer textilen Unterlage befestigt.

      Die einzige schützende Wirkung entfaltet die Rüstung nur gegen strömenden Regen.
      Eine Verwendung als Schwimmweste wäre auch möglich.


      (eigenes Foto)

      Nach diesem Exkurs in bäuerliches/ handwerkliches Brauchtum wenden wir uns dann aber dem Schuppenpanzer im Hochmittelalter zu.
      Lieber eine starke Behauptung als ein schwacher Beweis!
    • Teil 4

      Die Kathedralen-Krieger


      (Quelle: dieses Forum)

      Wie aus der Quellenlage sichtlich, ist dieses Bild schon zur Thematik gepostet worden.
      Die Skulpturen befinden sich an der Innenseite des Westwerks der Kathedrale von Reims und stammen aus dem 13. Jahrhundert.
      Diese Figuren sind hier im Forum schon ausgiebig besprochen worden,
      deshalb gehe ich jetzt nicht ins Detail.

      Das Besondere an diesen Skulpturen ist das Nebeneinander zweier verschiedener Rüstungen.
      Kette und Schuppe haben, und das bestätigen die Bilder in den nächsten Abschnitten, immer nebeneinander bestanden.
      Man muss sich bewusst machen, dass mit dem vermehrten Aufkommen des Ringpanzers der Schuppenpanzer nicht verschwand.

      Er fand weiterhin Verwendung, wenn auch nicht so häufig. Versuche, dies mit Trageeigenschaften, Schutzwirkung und Herstellungskosten im Vergleich zur Ringpanzerung zu erklären sind müßig.
      Ich persönlich gehe mit den nachfolgenden Ausführungen konform.

      Der portugiesische HistorikerTomas Rocha Martins, der sich hauptsächlich auf Rüstungen aus der frühen Eisenzeit spezialisiert hat und sich mit mittelalterlichen Rüstungen befasst, antwortet auf die Fragen:
      Warum war ein Kettenhemd im Mittelalter in Westeuropa populärer als ein Schuppenpanzer, und wann geschah das?

      wie folgt:

      "Ein Grund, den wir nicht vernachlässigen können und der meiner Meinung nach oft unterschätzt wird, sind Mode und Tradition. Es ist möglich, dass Ringpanzerungen einfach zur Mode wurden und in der Folge die Tradition der Herstellung von Schuppenpanzerungen in Vergessenheit geriet.
      ...
      Kultur spielte eine große Rolle bei der Ausstattung der Menschen!
      Also, zusammenfassend:
      Wir wissen dies aufgrund archäologischer Funde und aufgrund zeitgenössischer Beschreibungen.
      Der Trend zu Ringen und nicht zu Schuppen begann wahrscheinlich um 300–200 v. Chr., aber erst um 500–900 n. Chr. war die Ringpanzerung vollständig allgegenwärtig. Es ist schwer zu sagen.
      Dafür gibt es wahrscheinlich mehrere Gründe. Die Tatsache, dass die Römer weiterhin Schuppenrüstungen verwendeten, deutet darauf hin, dass es keinen massiven Vorteil gegenüber dem anderen gab, aber ich würde argumentieren, dass Ringpanzerungen im Allgemeinen aus einer Vielzahl von Gründen besser sind.
      Wir können auch den Faktor, den Kultur und Mode auf Kriegsausrüstung haben, nicht völlig außer Acht lassen."

      (Quelle: Aufsatz im Internet)
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    • Teil 5

      Das 11. Jahrhundert

      Alle ab jetzt folgenden Darstellungen stammen von der Bilder-Mediathek manuscriptminiatures.com , deshalb erfolgen Quellenangaben nur da wo es nicht so ist.
      Einige habe ich aus dem Netz, die genauen HP's habe ich nicht vermerkt.
      Mir ging es nicht darum Quellen, sondern Bilder zu sichten. Dennoch sind alle seriös. Die meisten dürften bekannt sein.
      Es geht hierbei nicht um eine Diskussion oder Interpretation, sondern um bildliche Belege, da Realien (außer die im Schwarzwald, s.o. :D ) nicht existieren.
      Deshalb lasse ich sie so wirken, mache nur Randbemerkungen wo mir dies wichtig erscheint.


      Fresko in der Krypta der Kreuzfahrerkapelle in Aquilea, 11.Jh.
      (fb-post)


      Buchdeckel mit St.Georg, Rom, 11.Jh. Nicht St. Georg, sondern die knieende Figur trägt einen Schuppenpanzer
      (Internet)


      Roda Bibel, Spanien, 11.Jh.


      Frankreich, um 1100, 2. von rechts und der zustechende Ritter eindeutig Schuppenrüstung

      Dies soll zum 11. Jh. genügen, ab 1100 werden die Darstellungen zahlreicher, obwohl man bei der Präsenz von Ringpanzern im historischen Hobby eher das Gegenteil erwarten dürfte...

      Mehr dazu im nächsten Beitrag.
      Lieber eine starke Behauptung als ein schwacher Beweis!
    • Teil 6


      Das 12. Jahrhundert


      Codex Graecus Matritensis Ioannis Skyllitzes, Sizilien 1100-1200


      Harding Bible 1109


      St.Albans, England 1120,MS Titus D XVI Psychomachia


      Dialogus de laudibus sanctae crucis, Regensburg, 1170-1180


      Frankenthaler Bibel, Deutschland 1148


      Codex Guelf, Deutschland 1188


      Liber ad honorem Augusti, Italien 1194


      Deutschland 1180


      England 1125


      Harding Bible 1109, Ausschnitt

      Alle Schuppenpanzerfans mit Augenmerk auf das 12.Jahrhundert können erstmal durchatmen.
      Diese Rüstung ist darstell- und benutzbar.
      Rechtfertigende Geschichten, warum man denn im "Zeitalter des Kettenhemdes" noch diese altmodischen Rüstungen benutzt, kann man sich sparen.
      Sparen kann man sich auch die Zeit, beratungsresistente Middelalder-Experten, welche ihr Fachwissen aus den online-Katalogseiten von Elfbert, Longstreet Arms, Ork-forest und Co. herleiten, aufklären zu wollen.
      Warum der Schuppenpanzer ein Schattendasein in der Mittelalterdarstellung fristet und wie die damit verbundenen Probleme zu lösen sind darauf komme ich später zurück.
      Lieber eine starke Behauptung als ein schwacher Beweis!
    • Teil 7


      Das 13. Jahrhundert


      BNF Francais 403, Apocalypse, Salisbury England 1250


      Bodleian library, England 1250-60, Ausschnitt


      Reiner Musterbuch, Österreich 1200-1220


      Stundenbuch, Bamberg, Deutschland 1204-1219


      Psautier de Saint Louis, Frankreich 1270


      Deutschland 1275


      Italien 1278


      Psalterium non feratum, Hildesheim, Deutschland 1210-1213


      Ritterskulptur, Kathedrale Reims, Frankreich 13. Jhdt.


      Stundenbuch, Bamberg, Deutschland 1204-1219, jetzt Morgan Library

      Ich denke die Bilder sprechen für sich. Wieder ist sehr schön zu sehen, dass Kette und Schuppe auf ein und derselben Darstellung zu finden sind. Ein Beleg, dass auch im 13. Jahrhundert beide Rüstungsarten parallel getragen wurde.
      Ein Fakt, der sich im 14. Jahrhundert fortsetzt.
      Lieber eine starke Behauptung als ein schwacher Beweis!
    • Teil 8

      Schuppenpanzerelemente im 14. Jahrhundert
      Verwendung in der Neuzeit

      Ab etwa 1300 nehmen die Schuppenpanzerdarstellungen ab, aber sie verschwinden nicht ganz.
      Die Rüstung veränderte sich weiterhin. Plattenelemente kommen auf, Rüstungsteile werden vermischt getragen:
      - Schuppe-Kette
      - Schuppe-Platte
      - Kette-Platte
      - Schuppe-Kette-Platte*
      (* schließt auch Brigantinen und andere Formen mit ein)
      Nachfolgende Darstellungen veranschaulichen das sehr schön.


      BNF, Frankreich 1317


      Codex Zwettlensis - Zwettler Bärenhaut, Österreich 1310


      Homilary, Deutschland 1300 - 1350, heute Bestand des Walters Art Museum


      Tours Bibel, Spanien 1320


      Willehalm-Kodex, Deutschland 1334


      Judenburg Kreuzigungsdarstellung 1360


      Fresko Kirche Woldendorp, 1320

      Alle mittelalterlichen Darstellungen mag jeder interpretieren wie er mag, oder sehen was er will.

      Da Schuppenpanzerelemente aber noch Jahrhunderte später militärisch genutzt wurden (in Deutschland bis 1918) und z.B. an Traditionsuniformen noch heute,
      kann man sagen dass die Schuppenpanzer auf den Darstellungen definitiv solche sind.

      Eine Renaissance erlebte diese Rüstung im 16./17. Jahrhundert u.a. in Polen und Spanien.
      Nachfolgendes Bild zeigt einen polnischen Husar zwischen 1503 und 1776.

      Quelle: wikipedia
      Der Einfachheit halber zitiere ich mal Wikipedia:
      "Die Hussaria war die Elite-Kavallerie Polen-Litauens in der frühen Neuzeit. Sie war über einen Zeitraum von 125 Jahren ungeschlagen und gilt daher als eine der effektivsten Kavalleriegattungen der Weltgeschichte. Sie hatte eine untypische Bewaffnung und Kampfführung, meist in Unterzahl, was für ihre taktische Überlegenheit sprach. In der Schlacht bei Curtea de Argeş im Jahre 1600 gewann die Hussaria gegen eine fünffache Übermacht. Der bedeutendste Sieg der Hussaria war 1683 die „Schlacht am Kahlenberg“. Unter der Führung von Johann III. Sobieski besiegte sie dort das Osmanische Heer bei dessen zweiter Belagerung Wiens."

      Auch Johann III. Sobieski ist im Schuppenpanzer abgebildet.


      Quelle: wikipedia

      Natürlich trugen diese Kämpfer auch Plattenrüstungen, aber dass gerade der Schuppenpanzer verwendet wurde (und nicht der Ringpanzer) zeigt deutlich dass er eine hocheffiziente, wirksame Rüstung auch oder gerade für Reiter war.
      Diskussionen über Schwachstellen - z.B. Stich mit Lanze etc. von unten - die auch hier im Forum geführt wurden, haben sicher ihre Berechtigung, werden aus meiner Sicht aber völlig überbewertet.

      Um den Schutz und den Komfort eines Schuppenpanzers zu verstehen, muss man wissen wie er gebaut ist.
      Alle bisherigen Nachbauversuche sind nett anzuschauen, jedoch wenig praxistauglich.
      Wie man es anders machen kann - nein muss - schauen wir uns demnächst an. Dazu begeben wir uns über den Großen Teich nach New Mexico/ USA, denn dort wurde der Schlüssel dazu gefunden.
      Lieber eine starke Behauptung als ein schwacher Beweis!