"Das böse Wort mit A" - lesenswerter Blogbeitrag

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Nun die Menschen vor 1.000 Jahren. Die Frau des Hauses spann in Handarbeit das Garn, webte in Handarbeit den Stoff daraus, und nähte den per Hand zu einem Kleidungsstück.
Nein. Hat sie auch Rinder gehalten nur wegen der Milch? Bienen wegen des Honigs? Oder kaufte sie Milch vom Bauern und Honig vom Imker auf dem Markt? Kaufte sie womöglich den fertigen Stoff beim Händler? War sie Kundin bei einem Schneider?
Deswegen waren auch die Schnitte der Kleidung eher praktisch und Materialsparend ausgelegt.
Ebenfalls nein. Wo bitte ist ein Kreismantel z.B. materialsparend? Das große Problem mancher Hobbyisten beim Verständnis alter Zeiten und Kulturen liegt darin, dass sie von ihrem Hobby auf das damalige Leben schließen. Ich färbe Garn selber, nähe meine Kleidung selber, baue Radieschen an, schmiede Schwerter, töpfere Teller - also haben die Menschen das damals auch selbst getan. Verdammt, wie sind dann die Berufe entstanden und die Nachnamen? Andersrum wird ein Schuh draus. Lernt was über das Leben Eurer dargestellten Epoche und gestaltet danach Euer Hobby. Lest Bücher und nicht irgendwelche blogs und Interneteinträge. Dann klappt's auch mit dem "A"... :back
 
Ich färbe Garn selber, nähe meine Kleidung selber, baue Radieschen an, schmiede Schwerter, töpfere Teller - also haben die Menschen das damals auch selbst getan. Verdammt, wie sind dann die Berufe entstanden und die Nachnamen?
Es kommt immer darauf an wen ich darstelle. In meinem Fall ist es ein städtischer Krämer aus Münster im ausgehenden 12.Jahrhundert. Damals gab es in Münster bereits manche Gewerke,so dass der Krämer auch wohl zum Riemenschneider bzw. Gürtner ging um sich einen neuen Gürtel zu kaufen (!),während zur selben Zeit ein Kleinbauer im "nur" 30 Kilometer entfernten Coesfelder Raum (die Stadt Coesfeld existierte meines Wissens nach noch nicht) eher noch dies oder jenes an Kleidung selber herstellte oder im nahen Dorf herstellen liess. Modisch dachten damals sicherlich auf jeden Fall diejenigen, die es sich im doppelten Sinne leisten konnten,standesmässig und finanziell. Ein Angehöriger des niederen Adels trug auch damals (zwecks Repräsentation) teuere Kleidung als der Kleinbauer oder der Handwerker. Und dann sollte man auch zwischen der alltäglichen Arbeitskleidung und der sonn- und feiertäglichen "Ausgehkleidung" unterscheiden.
 
:eek:ff1 Mein Lieber, darum geht es doch gar nicht. Beschäftigt Euch mal mit Wirtschaft, Wirtschaftsstrukturen, industriellen Netzwerken, Innungen, Tarifen, Vergünstigungen für Handwerker, Welthandel, Messen usw. im Hochmittelalter. Da entsteht ein ganz buntes Bild, ähnlich dem heute mit dem Unterschied dass es noch kein Internet gab. Dass eine Bauersfrau selber Klamotten angefertigt hat ist nachvollziehbar, aber weite Teile der Bevölkerung haben verkauft was sie hergestellt haben und alles andere gekauft. Hier wird gern beschworen dass fast alles selber hergestellt wurde - aber es hat noch niemand umfassend belegt. Und auf dieser mythischen Beschwörung wird oft herumgeritten wenn es um A geht, selbst angebaut, selbst geerntet, selbst verarbeitet, selbst gesponnen, selbst gefärbt, selbst gewoben und selbst genäht das Leinen (nur ein Bsp.) Da ist totaler Quark. Dagegen läßt sich nachweisen dass alle diese Arbeitsgänge in Arbeitsteilung ausgeführt wurden. Wenn heute jemand das selber machen will ist das in Ordnung, aber es ist nicht übertragbar auf das historische Hochmittelalter. Vermutlich wird in einem anderen thread, blog, fb-Eintrag usw. aber wieder genau das durchgekaut. Und da habe ich noch gar nicht erwähnt, dass es spätestens ab dem 14. Jhdt. schon Konfektionsklamotten von der Stange zu kaufen gab - natürlich nach der neuesten Mode. :back
 
Hier wird gern beschworen dass fast alles selber hergestellt wurde - aber es hat noch niemand umfassend belegt. Und auf dieser mythischen Beschwörung wird oft herumgeritten wenn es um A geht, selbst angebaut, selbst geerntet, selbst verarbeitet, selbst gesponnen, selbst gefärbt, selbst gewoben und selbst genäht das Leinen (nur ein Bsp.) Da ist totaler Quark. Dagegen läßt sich nachweisen dass alle diese Arbeitsgänge in Arbeitsteilung ausgeführt wurden.
So meinte ich es aber auch,vieleicht habe ich mich missverständlich ausgedrückt. Ab dem ausgehenden 12.Jahrhundert gab es hierzulande in den Städten bereits die diversen Gewerke/Handwerke,so dass keineswegs jeder Bewohner alles selber herstellte,im Gegenteil---und deswegen konnte der Handel schon florieren.
 
Ist schon eine feine Sache, Zitate aus dem ursprünglichen Kontext zu reissen und völlig isoliert zu betrachten. Dann kann man den größten Schmu dazu schreiben und sich immer noch im Recht fühlen, wie doof doch alle anderen sind. :kopfhau Meine Kommentare bezogen sich auf die Beiträge von Mitglied Managarm. Wenn Du das Forum aufmerksam verfolgt hättest, könntest Du an mehreren Stellen lesen, dass er seine Fragen zu Menschen / Gruppen aus dem ersten Jahrtausend stellt (u.a. Wikinger). Im Verlauf dieser Konversationen habe ich mit dem Hinweis geantwortet, dass sich mein Kenntnisstand lediglich auf die Wikis bezieht, und ich von den anderen Gruppierungen keine Ahnung habe. Darüber hinaus zielt seine Fragestellungen auf die eher einfachen Bevölkerungsschichten, nicht auf die gehobene Gesellschaft. Auch dazu habe ich mich in meinen Kommentaren stets bezogen. Du schreibst: "Beschäftigt Euch mal mit Wirtschaft, Wirtschaftsstrukturen, industriellen Netzwerken, Innungen, Tarifen, Vergünstigungen für Handwerker, Welthandel, Messen usw. im Hochmittelalter." Seit wann ist die Zeit bis/um 1.000 a.D. schon Hochmittelalter?? "Und da habe ich noch gar nicht erwähnt, dass es spätestens ab dem 14. Jhdt. schon Konfektionsklamotten von der Stange zu kaufen gab". Total klasse, dass es das ab dem 14. Jahrhundert alles gab, aber wir reden immer noch von Frühmittelalter, also etliche hunderte Jahre davor. Du hast mich sogar mit diesem Hinweis extra zitiert, nur vermutlich nicht mal komplett gelesen :) "Nun die Menschen vor 1.000 Jahren". Nach meiner Rechnung sind wir da weder im 14. Jhd, noch im Hochmittelalter. "Kreismantel"? Kenne ich in der genannten Epoche noch gar nicht, wo haben die Forscher den denn ausgebuddelt? Quelle? Tunika, Hose, Kleider der Wikis - alle extrem materialsparend ausgelegt. Viele Schnittmuster passen als perfekte Puzzleteile nebeneinander auf eine Stoffbahn. Spinnwirtel und Webrahmen gehörtenda zur Grundausstattung eines normalen Haushalts. Aber vermutlich nur das Deko-Objekte... Tut mir echt sehr sehr leid, aber Thema völlig verfehlt, setzen, sechs. "Kaufte sie Honig vom Imker auf dem Markt?" - Ist der Beruf des Imkers bei den Wikingern belegt? Fände ich hochspannend, bitte eine solide Quelle dazu... "Lest Bücher und nicht irgendwelche blogs und Interneteinträge." Dafür feiere ich Dich gerade total :) Du rufst in einem Online-Forum dazu auf, keine Interneteinträge zu lesen. Ist genau so paradox wie all' die Deppen, die sich bei Facebook über die Datensammelwut der sozialen Medien mokieren prost1 Ist nebenbei bemerkt auch schon ein wenig anmaßend, sich ein Urteil über die Informationsquellen einer Person erlauben zu wollen, die man überhaupt nicht kennt. Chapeau.
 
Jetzt bist du es der einen Beitrag falsch auffasst. Lies noch einmal was Wilfried schrieb. Versteife dich nicht auf die Zeit sondern auf die Sichtweise die WIR modernen Menschen auf das Mittelalter haben. In unserem Denken haftet immer noch das "einfache Leben" an, weil wir es wegen unseres sehr komfortabel gewordenen Lebens unbewusst annehmen. Er fordert uns auf uns mehr in unsere Vorfahren hinein zu versetzen. Zumindest fasse ich den Beitrag so auf.
 
Mit diesem Grundgedanken habe ich mich ja auch versucht, dem Thema anzunähern. Wenn ich da falsch liege, weil mir noch Hintergrundwissen fehlt, lasse ich mich gerne eines besseren belehren. Dafür soll der Informationsaustausch in diesem Forum ja dienen - um mehr Wissen zu erlangen. Wird ja von fast allen hier auch sachlich und fachlich wunderbar unterstützt. Nur Äpfel mit Birnen zu vergleichen, und Wikis mit HoMi in einen Topf zu werfen, ist meines Erachtens der falsche Ansatz. Aus diesem Schluss heraus dann zu folgern "Du hast ja keine Ahnung" ist schon ein wenig merkwürdig.
 
Da haben wir wieder das Dilemma, Middelalder sind halt 1000 Jahre Kulturgeschichte und das zum Überfluss auch noch Regional sehr Unterschiedlich. Und wenn der Wiki auf den HoMi trifft sind halt unterschiedliche Standpunkte vorprogrammiert. Allerdings hat Wilfried halt mit einem Beispiel aus einer Region und einer Zeit aufgezeigt das es eben nicht so einfach ist. Ich bin kein FrühMi-Kenner und sicherlich war der Webstuhl durchaus ein integraler Bestandteil eines Hausrates. Aber das Belegt noch nicht das es innerhalb einer Gemeinschaft eine Arbeitsteilung gab. Man darf nicht das Individuum allein Betrachten, das wäre bis ins frühe 20. Jhd. schlicht falsch. Man sollte immer die auch die Gemeinschaft betrachten in der eine Person lebte. Innerhalb dieser Gruppe wird auch im FrühMi nicht jeder alles gemacht haben. Da wird jemand eben besser geschmiedet, gewebt, gezimmert oder gefärbt haben als jemand anders. Dafür hat der "Schmied" eben nicht gut gebötchert und man wird sich auch in kleinen Bauerngemeinschaften aufgeteilt haben. Einen mittelalterlichem McGyver wird es geanusowenig gegeben haben wie heute. Und um den Bogen wieder zurück zu spannen, nur das genaue auseinandersetzen mit der eigenen Darstellung wird einen in Richtung "A" bringen. Und da geb ich Wilfried wieder recht, sich nur auf Blogs, F-Book und sonstige Recherche verlassen birgt die Gefahr die Fehler anderer zu wiederholen und zu kopiern. Nicht falsch verstehen, ich liebe den Wissenaustausch im Netz, aber wenn ich eben wirklich in Richtung "A" will sind das nur Stützräder, fahren muss ich alleine. Und wirklich authentisch ist nur was als Fund belegt ist (Ja, da ist sie wieder, die nächste Phrase). Ich halte es für mich eben so, dass alles was ich Darstelle immer nur meine Interpretation des wirklichen sein kann. Und da verstricke ich mich nicht in irgendwelche Geschichten wenn ein Ausrüstungsgegenstand eben nicht belegbar ist, sag ich eben dazu das es meine Vorstellung dessen ist weil... oder ich sag auch wenn ich durch neuere Erkenntisse weiß, das Teil ist nicht "A". Ich mach kein Rollenspiel, ich versuche lediglich eine Person aus der Zeit, dieser Region und diesem Stand darzustellen. Kein: Mein Vater war auf dem Kreuzzug und hat mir dies und das mitgebracht....
 
Jetzt mal unabhängig von der Frage"Wer macht was" gibt es da noch einen weiteren Aspekt der bei der Fragestellung der Individualität betrachtet werden muss - und das ist die Gesellschaftsordnung. Sich ausserhalb der Gesellschaft zu stellen indem man sich von ihr unterscheidet - sei es optisch, weltanschaulich oder durch Handlungen - wäre für den mittelalterlichen Menschen eher weniger erstrebenswert gewesen. Alltagsleben funktionierte weitestgehend nur in einer Solidargemeinschaft, man war aufeinander angewiesen. Sich ausserhalb einer durch größtenteils fehlende Bildung oft eher intoleranten Gesellschaft zu stellen hätte dem Einzelnen das Leben deutlich schwerer gemacht, weswegen der Normalmensch eher bestrebt gewesen sein wird ein Teil des Ganzen zu sein anstatt ein Individuum um jeden Preis.
 
Man sollte immer die auch die Gemeinschaft betrachten in der eine Person lebte. Innerhalb dieser Gruppe wird auch im FrühMi nicht jeder alles gemacht haben. Da wird jemand eben besser geschmiedet, gewebt, gezimmert oder gefärbt haben als jemand anders. Dafür hat der "Schmied" eben nicht gut gebötchert und man wird sich auch in kleinen Bauerngemeinschaften aufgeteilt haben. Einen mittelalterlichem McGyver wird es geanusowenig gegeben haben wie heute. Und um den Bogen wieder zurück zu spannen, nur das genaue auseinandersetzen mit der eigenen Darstellung wird einen in Richtung "A" bringen. Und da geb ich Wilfried wieder recht, sich nur auf Blogs, F-Book und sonstige Recherche verlassen birgt die Gefahr die Fehler anderer zu wiederholen und zu kopiern. Nicht falsch verstehen, ich liebe den Wissenaustausch im Netz, aber wenn ich eben wirklich in Richtung "A" will sind das nur Stützräder, fahren muss ich alleine. Und wirklich authentisch ist nur was als Fund belegt ist (Ja, da ist sie wieder, die nächste Phrase). Ich halte es für mich eben so, dass alles was ich Darstelle immer nur meine Interpretation des wirklichen sein kann. Und da verstricke ich mich nicht in irgendwelche Geschichten wenn ein Ausrüstungsgegenstand eben nicht belegbar ist, sag ich eben dazu das es meine Vorstellung dessen ist weil... oder ich sag auch wenn ich durch neuere Erkenntisse weiß, das Teil ist nicht "A".
Genau das ist meine Grundüberzeugung. Gerade in einer Zeit - wie dem FrüMi - in der man eben nicht ins nächste Geschäft gehen konnte,wurde noch mehr selber erzeugt oder von denen erworben,die es erzeugen oder besorgen konnten. Germanen und Kelten,die zur Zeit der Zeitenwende entlang des Limes lebten hatten regen Austausch mit römischen Händlern. Und auch wenn ich keine Quellen vorliegen habe kann ich es mir gut vorstellen,dass mancher Zeitgenosse,der im FrüMi im ländlichen Raum lebte,hin und wieder Ware von einem reisenden Händler kaufte. Und ich weiss noch aus meiner eigenen Familie,dass Angehörige die auf dem Dorf lebten (und ich meine die Zeit um 1900) zwei bis drei Mal im Jahr in die Stadt auf den Jahrmarkt gingen um sich dort mit Stoffen und anderen Waren für die restliche Zeit des Jahres "einzudecken" und diese Sachen dann zu Hause weiterzuverarbeiten.
 
Hat sie auch Rinder gehalten nur wegen der Milch? Bienen wegen des Honigs? Oder kaufte sie Milch vom Bauern und Honig vom Imker auf dem Markt? Kaufte sie womöglich den fertigen Stoff beim Händler? War sie Kundin bei einem Schneider?
Gehen wir ins frühe Mittelalter, so dürften viele Bauersfamilien das tatsächlich selbst gemacht haben. Zumindest zeigen uns das die Archäologischen Funde. Im hohen und späten Mittelalter dürfte es jedoch wirklich langsam richtung spezialisierung gegangen sein, besonders im späten Mittelalter mit Zünften und Co..
 
Imho macht es überhaupt keinen Sinn da jetzt rumzumäandern, wenn man keine klare zeitliche und regionale Grenze feststeckt, wer wie wann wo was selbst oder nicht selbst hergestellt hat. Nachdem die entsprechende Person ja scheinbar gern etwas provokant und polemisch auftritt, würde ich vorschlagen das man sich wieder won der maskulinen Wissensdemonstation ab und dem Thema zuwendet - oder zumindest mal spezifisch wird, wenn man darüber diskutieren will und dabei vorallem etwas freundlicher daherkommt.
 
Da ich grad in Schreiblaune bin ( sorry es wird etwas länger): All die theoretischen Erkenntnisse wie was aufgebaut werden soll sind ja fein und lehrreich. Ich selber bin etwas anders rein reingeschlittert. Man hat selber so Piepmätze sprich Falken und werde angefragt, ob man nicht an der nächsten Veranstaltung mit dabei sein wolle. Ok, klingt ja interessant. Zeitraum Hochmittelalter ist gegeben, da da ja die erste grosse Blüte der Falknerei gegeben war. Ausrüstung null. Also von heute auf sofort, muss Gewandung, Unterkunft und alles was man so braucht her. Man ist ja nicht nur Besucher und geht dann wieder nach Haus. Drum: Es musste einigermassen aussehen und den Zweck erfüllen. Das Interesse der Besucher war an einem ganz anderen Ort. Die interessiert es nicht im geringsten, ob nun alle Nähte von Hand genäht sind, ein Nagel irgendwo handgeschmiedet ist oder sonst was. Was ich machte war interessant. Hätte ich erst alles fein säuberlich recherchiert, anfertigen lassen oder selbst gemacht.... Ich säss heute noch zuhaus. Man stürzte sich in die Sache rein, hat Jahr für Jahr dazugelernt und sich verbessert und ist immer noch weit ab von wirklich A. Man hat ja auch sonst noch was zu tun und das Mittelalterding ist zwar etwas das einem fasziniert, aber wenn man da absolut alle Details beachten will, eine Lebensaufgabe. Ich bewundere alle die alles da bis aufs i Tüpfelchen selber machen oder anfertigen lassen. Dazu müsst ich aber aus einem Edlen Hause stammen um mir dies leisten zu können oder viel mehr Zeit haben. Bin nur Handwerker, kein Businessman, nicht studiert und war immer selbständig. Ein wohl recht freier aber unvermögender Lehensmann ( Mieter). Ich mache das Ganze sicher auch zum Teil für mich, aber man will ja nicht mit dem ganzen Krempel allein zuhaus rumhocken und eine Selbstschau machen. Also man verbessert Jahr für Jahr das Equipment, aber fast wichtiger ist für mich ist das: Warum und wieso hat was wo stattgefunden. Da ist für mich wichtiger als der richtige Nahtstich, dass um 970 im Kloster St. Gallen bereits die Falknerei an edle Jünger vermittelt wurde, Otto II. dort mit ausgebildet wurde. Der , der nachher verschiedene Ländereien in meiner nächsten Umgebung dem Kloster Einsiedeln schenkte. ( Faksimile dieser Urkunde hängt an der Wand). Der direkte Bezug zu meiner Umgebung ist gegeben. Die Geschichten drum herum. Dass dieses Kloster im Marchenstreit sich dann Flecken ausbedungen hat, weil sie dort ihre Vögel hielten. Dass der spätere Falkenkaiser Friedrich II, ausgerechnet dort wo wir unseren jährlichen Mittelalteranlass machen, 1212 die Thur überquerte und ein paar Meter nebenan lagerte. Dass im Winterthurer Wald bei der Kyburg ( wo die Reichsinsignien ein paar Jahre lagerten) eine fixe Regelung bestand wer wo die Falken und Habichte fangen durfte. Dass Junker Heinrich Escher einen Gerichtsfall provozierte, weil er einen Ulrich Hüssinger, Vortänzer einer ausgelassenen Handwersgesellengruppe, mit der Faust tracktierte, da dieser ihm dabei seinen Habicht von der Faust schlug..... Das interessiert den Besucher. Geschichten. Ob dann das Gewebe meiner Beinlinge absolut authentisch ist, Das Material der drei Knöpfe an meiner Surcotte original ist, ist ihm egal. Nur am Rande: Ich hab schon manchen "Edlen" an Anlässen angetroffen, super Bewaffnung, tolles Kettenhemd und nachts hat er sich den A... abgeforen, weil nichts zum zudecken da war. Wenn alles dann noch A nachgebaut ist, umso toller. Wie gesagt, Hut ab vor allen Künstlern hier ! Wenn ich mich aber erst rauswagen darf wenn alles passt. Nun, dann bleib ich ewig zuhaus. Hab mein tolles Museum für mich, und irgenwann wirds verscherbelt oder wandert in die Mulde. Mein Zeug wird wahrscheinlich zum Grossteil gar nicht so alt, weil es benutzt wird. Verschleiss unterliegt. Keine Museumsstücke. Den Topf brauch ich zum Kochen, Das Messer zum Schneiden etc. A ist toll ! Nur der Gegenstand alleine machts für mich aber nicht aus. Da fasziniert mich mehr der Zimmermann, der alleine mit Axt, Keilen und Hammer aus einem Stamm einen viereckigen Balken schlagen kann, als die noble Standfigur , absolut A, die Angst hat, sein Schwert könnte Flecken bekommen. ( Hatte mal einen "Notfall" wo eine Axt von Nöten gewesen wäre, aber alle Axt tragenden Darsteller hatten Angst, dass es Kratzer geben könnte). Also Geschichtsvermittlung hat für mich mit Geschichten zu tun. Wenn alles Andere auch noch passt um so besser. Nur der absolute A Stich bei der Gewandung alleine, machts aber auch nicht aus. Nun denn genug gequasselt. Ansichten dürfen und sollen verschieden sein.
 
Also man verbessert Jahr für Jahr das Equipment, aber fast wichtiger ist für mich ist das: Warum und wieso hat was wo stattgefunden. Da ist für mich wichtiger als der richtige Nahtstich, dass um 970 im Kloster St. Gallen bereits die Falknerei an edle Jünger vermittelt wurde, Otto II. dort mit ausgebildet wurde. Der , der nachher verschiedene Ländereien in meiner nächsten Umgebung dem Kloster Einsiedeln schenkte. ( Faksimile dieser Urkunde hängt an der Wand). Der direkte Bezug zu meiner Umgebung ist gegeben.
Und ich finde das eine maschinengenähte Cotte aus Schurwolle besser und passender ist als eine Cotte die komplett handgenäht ist aber besch....eiden sitzt. Nur sollte ich auf Nachfrage auch zu den Maschinennähten stehen und erklären können,warum die Cotte "nur" maschinengenäht ist. Anders sieht es bei Burgbelebungen aus wo es de facto um Details geht.
 
Nur so mal als Frage weil es mich interessiert. Bei wie manchem eurer Kumpel habt ihr schon nachgesehen wie eine Naht gemacht wurde? Wie oft wurde so von sich aus von Besuchern gefragt, ob einen Naht nun selbstgemacht ist? Also ohne dass man irgendwie auf die Verarbeitung etc hingewiesen hat? Also nichts gegen solche Nähte, Hab ja auch Gewänder wo zumindest die Sichtbaren von Hand gemacht sind. Geht ja auch um den eigenen Stolz. Burgbelebung, klar , Besondere Sache, so die Burg denn auch A ist. Kenn ja da auch genügend Gemäuer, wo man sagen müsste: Na ja , also genau genommen ist da manches zeitlich nicht ganz stimmend und über die modern eingebauten Teile: Na da sehen wir einfach mal drüber hinweg.
 
Nur so mal als Frage weil es mich interessiert. Bei wie manchem eurer Kumpel habt ihr schon nachgesehen wie eine Naht gemacht wurde? Wie oft wurde so von sich aus von Besuchern gefragt, ob einen Naht nun selbstgemacht ist? Also ohne dass man irgendwie auf die Verarbeitung etc hingewiesen hat?
Nun,das Interesse der Besucher,auch der wirklich interessierten,dürfte in gefühlt 99 % der Fälle nicht bei der Verarbeitung der Nähte liegen. Interessieren tut die wirklich interessierten Besucher eher wie man damals lebte,welcher Schwertknauf usus war (in einer bestimmten Zeit) usw.,aber nicht ob die Naht am Ärmel mit Leingarn genäht wurde oder ob die Schurwolle von Schafen stammt die auch zur damaligen Zeit gezüchtet wurden.
 
Meine Nähte sind per Hand, weil ich keine Nähmaschine habe und zu geizig bin, mir für ein paar Klamotten eine zu holen ;-) Wenn ich wollte, könnte ich mir auch alles fertig kaufen. Wäre dann vielleicht auch schöner und ordentlicher. Aber jetzt kommt das große aber - ich mache mir soweit es geht alles selbst, weil ich dann ein anderes Verhältnis zu den Klamotten habe. Weil dann der persönliche Wert ein anderer ist. Und - eigentlich der Hauptgrund - weil ich total Freude daran habe, zu sehen, wie so ein Teil Stück für Stück entsteht und sich entwickelt :)
 
Nur so mal als Frage weil es mich interessiert. Bei wie manchem eurer Kumpel habt ihr schon nachgesehen wie eine Naht gemacht wurde? Wie oft wurde so von sich aus von Besuchern gefragt, ob einen Naht nun selbstgemacht ist? Also ohne dass man irgendwie auf die Verarbeitung etc hingewiesen hat?
*grins* Also da gibts so eine Anekdote von einem Museumsbesuch mit Freunden - man betrat einen Raum mit mehreren lebensgroßen Figuren von Mönchen in Kutte und Kukulle. Ausser uns keiner im Raum, und die Freundin und ich griffen praktisch absolut synchron jede nach einem Kuttensaum um den auf links zu drehen und die Naht zu begutachten.... Ich nenn jetzt keine Namen, diejenige wird wenn sie es liest wissen wer gemeint ist ;) Und ja, wir begutachten untereinander schon mal die Nähte des/der jeweils anderen - schon um zu lernen, könnt ja sein dass es eine noch tollere Methode gibt als die eigene. Und zu meinem Textilarbeiten-Angucktisch gehört u.a. auch eine Rolle mit angehefteten Stoffstückchen mit jeweils einer Naht, eben damit man sich die einzelnen Nahttechniken in Ruhe von allen Seiten anschauen kann ohne jedesmal die Röcke raffen zu müssen. Denn Besucher interessieren sich schon dafür. Die fragen nur natürlich eher nicht den Falkner danach, da gehts um Vögel und Falknerei, dafür ist der ja auch da. Aber die handarbeitende Dame, deren Kernkompetenz das ja ist, die wird schon danach gefragt.
 
Bei dem Wort Gebrauchsgegenstände würde ich auch gern nochmal einhaken. Ich finde das ist definitiv ein Aspekt, der beachtenswert ist. Ich für meinen Teil bin kein Fan von völlig unversehrter Ausrüstung - ich kann zwar verstehen, wenn man das teure Zeug alles in Top Zustand halten will - aber es hat einfach so viel mehr Charme, wenn alles auch in Benutzung ist. Ich veranstalte ja ab und zu Abende mit bis zu vier Personen, wo dann gekocht wird und eben auch das Küchenequipment zum Einsatz kommt, soweit möglich und eben Tischdecken, das entsprechende Geschirr etc. verwendet wird. Freilich stellt sich da Verschleiß ein, Messer werden nachgeschärft, Teller bekommen Patina... Genauso bei den Klamotten: Löcher werden eben gestopft, da verirrt sich mal eine Motte an die Wollhose, da geht mal eine Naht auf, so ist das eben. Gerade für Gäste und Besucher geht es doch auch darum, dass ganze durch anfassen und vllt. sogar ausprobieren erfahrbar zu machen. Ein steriles Stück bietet da wesentlich weniger Anknüpfungspunkte für Unterhaltungen und hebt die Hemmschwelle zur Verwendung deutlich. Genauso muss ich immer wieder staunen wie manche Stücke mit dem heutigen Verständnis von "Perfektion" angeschafft und hergestellt werden, und am Ende ist man dann ganz stolz drauf und es liegt in der Vitrine. Nur schaut man sich mal historische Originale an und wie da teilweise genäht, geschmiedet oder gelötet wurde, gerade an nicht sichtbaren Stellen, bekommt man doch oft ein anderes Bild. Das wurde halt flott gemacht, so dass es hält und fertig und das gibt den Stücken auch wiederum ein organisches Auftreten. Ich mache ja ziemlich viel von meinem Kram selbst und achte immer drauf, etwas flotter zu arbeiten als man das vllt. machen würde, wenn man als moderner Handwerker sowas an den Mann bringen müsste. Dadurch schleichen sich Unregelmäßigkeiten ein, die am Ende ein organischeres Bild ergeben. Mein Rüstzeug zb ist auch absichtlich unsymmetrisch ausgeführt, weil es eben auch wieder häufig an Originalen so zu finden ist.
 
Freilich stellt sich da Verschleiß ein, Messer werden nachgeschärft, Teller bekommen Patina... Genauso bei den Klamotten: Löcher werden eben gestopft, da verirrt sich mal eine Motte an die Wollhose, da geht mal eine Naht auf, so ist das eben.
Ein Aspekt,den ich wichtig finde,denn meine Wollcotte habe ich nicht um sie im Schrank hängen zu haben,sondern um sie zu tragen. Logischerweise weisst sie mit der Zeit gewisse Gebrauchsspuren auf,aber bei moderner Kleidung ist das nicht anders. Wenn auf einer Mittelalterveranstaltung jemand einen Ritter darstellt und einen Schild hat,der keinerlei Spuren von Svhwertern,Streitkolben oder -äxten aufweisst,dann denke ich schnell dass der Schild entweder sehr neu und noch ungebraucht ist oder nie benutzt wurde (also im Schaukampf). Der Schild eines mittelalterlichen Ritters war im besten Sinne ein Gebrauchs(!)gegenstand. Und das wird man ihm irgendwann auch angesehen haben.
 

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