Der "wissenschaftliche" Begriff der Hexerei und die Grundlagen der Verfolgung

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Hildegard

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Mir war es ein Bedürfniss diesen Beitrag zu schreiben, da in den letzten Tagen die Hexen wieder vermehrt aufs Tablett kamen. Ich habe den Beitrag absichtlich nicht im mystischen Mittelalter eingestellt, weil ich hier Fakten nennen möchte. Sollten die Mods ihn allerdings hier nicht haben wollen, kein Problem, einfach verschieben. Das erste Mal wurde der Begriff ‚Hexe’ als Sammelbegriff wohl in der Schweiz mit dem Beginn des 15. Jahrhunderts gebraucht. Als ‚weise Frauen und Männer’ wurden Menschen vorher bezeichnet –oder sie wurden mit anderen Bezeichnungen tituliert-. Sie nutzten ihre Kräfte auf natürlicher oder übernatürlicher Weise; Stichworte: Schadenszauber und Heilzauber (schwarze und weiße Magie) Was die strafrechtliche Verfolgung betrifft, muss man sich auch mit dem römischen Recht auseinandersetzen, dessen Grundlagen und Bedeutung im mittelalterlichen Recht nicht unübersehbar sind. Solange die Zauberei dem Menschen nicht zum Nachteil wurde, war sie zunächst straflos. Allerdings hat sich das schon bald geändert und sie wurden geahndet. Teilweise bereits mit der Todesstrafe durch Verbrennen. In den Regierungszeiten von Kaisern Konstantin dem Großen (306 – 337) und Constantius II. (337 – 361) wurde die Ahndung auf das bis dahin erlaubte Wahrsagen ausgedehnt. Allerdings finden wir im germanischen Volksrecht des 5. – 8. Jahrhunderts, obwohl auch vom römischen Recht beeinflusst- diese rigorosen Bestimmungen nicht. Hier wurde lediglich zwischen schädlichen und nichtschädlichen Zauber unterschieden. Wobei der letztere mit Wergeld und Buße geahndet wurde. Mit zunehmendem Einfluss der Kirche auch auf die weltliche Rechtsprechung änderte sich dies allerdings. Hintergrund war sicher, dass man den Aberglauben bekämpfen wollte. Erstmals wird in dieser frühen Zeit auch die Annahme vertreten, dass sich manche Menschen mit dem Teufel einließen – der Teufelspakt. Die Kirche hat die Anwendung von Magie bis weit in das Hochmittelalter hinein nur mit Bußen belegt. Im weltlichen Recht wird dann in der „Treuga Henrici“ von 1224 bestimmt, dass „heretici (oh, wir haben das erste Mal einen Hinweis auf die Bezeichnung ‚Hexerei’ ), incantatores, malefici“ mit empfindlichen Strafen zu belegen seien. Der Sachsenspiegel kennt die Feuerstrafe für Ketzerei, Zauberei und Vergiftung. Die ersten großen Hexenverfolgungen mit dazugehörigen Prozessen geschehen ab ca. 1350 in Toulouse und Carcasonne. Nach der Jahrhundertwende kommt es zu groß angelegten Verfahren in Luzern, Basel und Freiburg im Breisgau, Italien und Frankreich. In Süddeutschland dann ab Mitte des 15. Jahrhunderts. Stichwort: Inquisition Eine Verfolgung der „Hexen“ war den Inquisitoren nur erlaubt, wenn sie annahmen, dass die beschuldigten Menschen Häresie und magische Praktiken anwandten. Stichwort: Ketzerbewegung Man brauchte also einen Grundstein, um seine Kompetenzen zu erweitern. Und man bediente sich dabei großen Kirchenvätern und der Scholastik. Die angerufenen Theologen und Philosophen kramten in ihrem Wissen aus antikem Gedankengut, Inhalten der heiligen Schrift und des römischen Rechts und fanden heraus, dass der Volksglaube mit der schwarzen Magie und somit mit Teufel und Dämonen in Verbindung stand. Der Begriff ‚Hexerei’ wurde zu einer Glocke, die über Apostasie und Häresie gestülpt wurde. Zu finden ist der Begriff der ‚Hexerei’ im sogenannten „Hexenhammer“ der Inquisitoren Heinrich Krämer und Jakob Sprenger von 1487. Sie hatten von Innozenz VIII. 1484 dessen Bulle „Summis deiderantes“ zur Berechtigung ihrer Hexenverfolgung erwirkt, die sie diesem Werk voranstellten. In den ersten beiden Teilen werden die Hexentätigkeit und deren Schädlichkeit erläutert, zumeist auf Frauen bezogen. Tatbestandsmerkmale waren vor allem Teufelspakt, Teufelsbuhlschaft, Hexenflug und Sabbat als Zusammenkunft der Hexensekte. Im dritten Teil finden sich die prozessualen Grundlagen der Bekämpfung. Mit dem Hexenhammer wurden die weltlichen Behörden in die Verantwortung genommen und zur Verfolgung aufgerufen. Der Schadenszauber, einen anderen Zauber gab es plötzlich nicht mehr, richtete sich immer gegen den Menschen, dem Untertanen der weltlichen Macht. Die über Jahrhunderte herausgearbeiteten Voraussetzungen und Einschränkungen der Folteranwendung wurden bei Hexenprozessen nicht mehr beachtet. Als Zeugen konnten sonst nicht zugelassene Personen auftreten, auch Mittäter. Die Verteidigung war eingeschränkt. Das Urteil erging nicht in voller Rechtskraft, falls es doch auf Freispruch lauten sollte. Ein Einspruch war nicht mehr möglich. Allerdings muss man dazu erwähnen, dass wie sooft im Mittelalter keine einheitliche Rechtsgrundlage vorlag und der Hexenhammer nicht überall gleichartig angewandt wurde. Und noch sprach die weltliche macht die Strafen zurückhaltend aus. Dies änderte sich als sich die Kirche bei den Hexenverfolgungen zurückzog. Stichworte: Verbot der kirchlichen Mitwirkung bei Gottesurteilen und dem immer weniger werdenden Reinigungseiden Nur noch in Italien und Spanien übernahm die kirchliche Gerichtsbarkeit die Hexenverfolgung. 1507 wurde die Halsgerichtsordnung von Bamberg und 1532 die von Karl V. erlassen, die gesetzlichen Meilensteine in Deutschland für die peinliche Befragung. Als dann in katholischen wie protestantischen Gebieten die bereits oben erwähnten Tatbestandsmerkmale der Hexerei anerkannt wurden, kam es zu den großen Verfolgungen der frühen Neuzeit, die es im Mittelalter noch gar nicht gab. Quellen: Lexikon des Mittelalters, „In drei Teufels Namen“ von Dieter Breuers (dessen Quellenangaben in seinem Buch)
 
Hallo Julia! Danke für deine aufschlussreiche Ausführung. Zumindest für mich kann ich sagen, daß ich etwas dazu gelernt habe. Für mich bestand bisher die Hexenverfolgung immer im Zeichen der Kirche ( Inquisition ). Muß dazu auch sagen, das ich darüber sehr wenig gelesen habe. Das Buch: die Hexe von Zeil, habe ich mir gekauft, weil es ne wahre Geschichte ist und sich in meiner Gegend zugetragen hat. Gott sei Dank ging es für diese Frau gut aus, auch wenn ihre Eltern dabei ums Leben kamen. Daher weiß ich auch, daß in Bamberg bis 1631, bis die Schweden vor Bamberg standen, die armen Menschen verbrannt oder hingerichtet wurden.
 
Wollte mich auch kurz bedanken; das hat doch mal Hand und Fuß. Kurze Nachfrage: Der erstmals erwähne Begriff "Hexerei" bezieht sich dann auf "incantatores" und/oder "malefici"? "Maleficus" ist ja nach meinem Latein-Lexikon ein sehr schwammiger Begriff. Mir fällt auch auf, daß da zunächst mal konsequent die männlichen Ausdrücke verwendet werden. Also zumindest noch nicht primär auf Frauen bezogen. Und nachdem du die Gegenden Toulouse und Carcassone nennst: Waren das dann in erster Linie "Hexenverfolgungen" oder noch späte Strafaktionen gegen Ketzer? Soweit ich weiß, waren das ja ehemalige Hochburgen der Katharer? Hängt das geschichtlich miteinander zusammen?
 
Danke Julia, gute Erläuterungen! Meines Wissens gab es war es nur in Deutschland besonders schlimm mit den Hexenverbrennungen. Die Hexenverfolgung war zwar europaweit, aber endete jedoch nicht zwangsläufig mit dem Scheiterhaufen. Das hatte selbst der Vatikan damals angemosert, dass es in Deutschland stets so arg verlief.
 
Was bei dem Thema immer im Hinterkopf behalten werden muss ist die Frage, ob es sich um den Begriff der Hexerei im Zusammenhang mit der Hexenverfolgung dreht oder um das Phänomen "hellsichtig" begabter Menschen oder Menschen mit besonderen Fertigkeiten in der Heilkunst o.ä. Das eine ist eine Geschichte, die anhand der Verfolgung aufgearbeitet werden kann (und JuliavG oben ganz prima dargelegt hat), die aber übrigens ihre größte "Ausbreitung" nach dem Mittelalter fand. Die andere Fragestellung ist eher eine, der sich anhand von Abhandlungen der europäischen Ethnologie (Volkskunde), Ethnologie (Völkerkunde, zB. bei Duerr), Religionswissenschaften (Begriffe wie Schamanismus, zB. bei Eliade) und auch im RGA über Schamanismus und Totemismus in Zeugnissen frühgeschichtlicher Mittel-/Nordeuropäer (germanische Namen, Figur Odins und auch anderer der nordischen Mythologie) genähert werden kann. Ich hoffe, ich kann verständlich machen, was ich meine: Es handelt sich hierbei um zwei unterschiedliche Themen, die beide unter den überaus vielseitig genutzten Begriffen "Hexe" oder "Hexerei" verstanden werden können.
 
Kurze Nachfrage: Der erstmals erwähne Begriff "Hexerei" bezieht sich dann auf "incantatores" und/oder "malefici"? "Maleficus" ist ja nach meinem Latein-Lexikon ein sehr schwammiger Begriff. Mir fällt auch auf, daß da zunächst mal konsequent die männlichen Ausdrücke verwendet werden. Also zumindest noch nicht primär auf Frauen bezogen.
‚heretici, bezieht sich meiner Meinung nach auf ‚incantatores’ und ‚malefici’ bzw. es sind drei einzelne Merkmale von Fehlverhalten. ‚Maleficus’ – ‚ruchlos’ (so übersetze ich es) ist sicher schwammig. Aber mit schwammigen Ausdrücken kann man auch ganz viel auf einmal abdecken. Ich denke nicht, dass die männliche Form deswegen verwendet wurde, weil man die Frau als solches nicht beachtete oder dass das überhaupt irgendeinen Grund hatte. Man findet dies z.B. in der italienischen Grammatik. Wenn 1 Frau und 2 Männer auftreten und benannt werden, wird für die Gruppe auch die männliche Form des Adjektivs herangezogen.
Und nachdem du die Gegenden Toulouse und Carcassone nennst: Waren das dann in erster Linie "Hexenverfolgungen" oder noch späte Strafaktionen gegen Ketzer? Soweit ich weiß, waren das ja ehemalige Hochburgen der Katharer? Hängt das geschichtlich miteinander zusammen?
Die Katharer bzw. deren Verfolgung ist meiner Meinung nach der Vorläufer der Hexenverfolgungen. Die Katharer lehnten die Lehren der Kirche strikt ab. Die Taufe mit Wasser, da Wasser Materie ist und Materie ist nun mal schlecht; die Kommunion, weil Christus ihrer Meinung nach nicht Fleisch geworden sein konnte und nicht am Kreuz starb… Sie lästerten Gott in allem was sie taten und wie und wo sie sich bewegten. Irgendwann mussten sie ja mal in die Versenkung und ihre Zusammenkünfte heimlich abhalten. Und es kam wie es kommen musste, die Gesellschaft und die Kirche wusste von ihnen, aber man konnte nicht mehr sehen und hören was sie taten und so kamen die eigentümlichsten Gerüchte auf. So wurde ihnen z.B. nachgesagt, dass sie Kinder schlachten, verzehren oder verbrennen und sie dann zu heilbringenden Salben verarbeiten. Es wurden ihnen wüste Orgien nachgesagt bei denen auch der Teufel angebetet werden sollte. Es war offensichtlich, die Katharer hatten sich Christus abgewandt und solchen Menschen war alles zuzutrauen…. Während der Ketzerverfolgungen wurden in Frankreich durch Robert le Bougre (Inquisitor und vermutlich ein bekehrter Ketzer) -bin mir nicht hundertprozentig sicher, aber es muss in den 30jahren des 13. Jahrhunderts gewesen sein- über hundert Menschen verbrannt. Darunter eine Frau, die „gestanden“ hatte, dass sie nächtens vom Teufel entführt worden sei, damit sie am Sabbat der Katharer bediene sollte. (aus Dieter Breuers „In drei Teufels Namen“) Erstmals kommt hier eine Aussage zutage, die stark an die in den Hexenprozessen erinnert. Es dauerte zwar noch einige Zeit bis aus Katharern Hexen wurde, aber nicht lange.
 
Hm. Schade, daß mein Latein schon so eingerostet ist... Heretici, incantatores, malefici würde ich übersetzen als: "Ketzer, Zauberer, Verbrecher (wörtlich: Übel-macher, also evtl. böse Zauberei)". Dann nämlich, wenn "hereticus" schlechtes mittelalterliches Latein für "haereticus" (=Ketzer) ist ^^ . Demnach würde sich diese Passage nämlich zunächst mal tatsächlich gegen mittelalterliche 'Sekten' richten, und erst in zweiter Linie gegen (damit verbundene?) 'Zauberei'. (Einige Sekten haben ja ihre eigenen Riten und ihre eigene Liturgie entwickelt - ich könnte mir vorstellen, für die Amtskirche fiel der christliche Gottesdienst einer Katharer-Gemeinde oder die Weihe eines Bischofs vielleicht auch schon unter 'Zauberformeln'?) Das mit der männlichen Form ist mir nur aufgefallen, weil die "klassische" Hexenverfolgung sich später ja mit ganz großer Mehrheit spezifisch gegen Frauen wendet. Davon ist aber bei dieser "geschlechtsneutralen" Formulierung noch gar nichts zu spüren. Finde ich immerhin bemerkenswert. (Ist jetzt wahrscheinlich sehr böse, aber für mich klingt es ein bißchen so, als hätte sich die "Fachabteilung" Inquisition, nachdem man das Ketzer-Problem weitgehend erledigt hatte, schleunigst ein neues Betätigungsfeld gesucht. Nicht, daß noch jemand in der Firma auf dumme Gedanken kommt, die Abteilung für überflüssig hält und sie auflöst...) Übrigens habe ich zu dem Thema auch noch einen Buch-Tipp: Seifert/Pawlik, "Geheime Schriften mittelalterlicher Sekten", Nikol-Verlag. Trotz des reißerischen Titels und der oft nicht minder einseitigen Einleitungstexte sehr interessant, weil es viele Originalquellen enthält. (Geheim ist daran übrigens gar nichts; die waren alle längst bekannt, wie den Zitatangaben zu entnehmen ist.)
 
Hm. Schade, daß mein Latein schon so eingerostet ist...
Welches eingerostete Latein.... 8)
Heretici, incantatores, malefici würde ich übersetzen als: "Ketzer, Zauberer, Verbrecher (wörtlich: Übel-macher, also evtl. böse Zauberei)". Dann nämlich, wenn "hereticus" schlechtes mittelalterliches Latein für "haereticus" (=Ketzer) ist ^^ . Demnach würde sich diese Passage nämlich zunächst mal tatsächlich gegen mittelalterliche 'Sekten' richten, und erst in zweiter Linie gegen (damit verbundene?) 'Zauberei'. (Einige Sekten haben ja ihre eigenen Riten und ihre eigene Liturgie entwickelt - ich könnte mir vorstellen, für die Amtskirche fiel der christliche Gottesdienst einer Katharer-Gemeinde oder die Weihe eines Bischofs vielleicht auch schon unter 'Zauberformeln'?)
Bestimmt sogar, waren doch die Verhaltensweisen und Riten der Anhänger dieser Sekten (nicht nur der Katharer) so ganz anders, wie es die Kirchväter predigten. Anders Denkende und Handelnde bringen immer Furcht unters Volk. Und wenn man bedenkt, dass diese Sekten auch auf die Defizite der Amtskirche aufmerksam machten, bargen sie auch eine gewisse Gefahr, dass die Macht dieser hätte eingeschnitten werden können. Dem musste man doch entgegenwirken...
(Ist jetzt wahrscheinlich sehr böse, aber für mich klingt es ein bißchen so, als hätte sich die "Fachabteilung" Inquisition, nachdem man das Ketzer-Problem weitgehend erledigt hatte, schleunigst ein neues Betätigungsfeld gesucht. Nicht, daß noch jemand in der Firma auf dumme Gedanken kommt, die Abteilung für überflüssig hält und sie auflöst...)
Gehe ich sogar stark davon aus. Danke für den Buchtipp, werde ich mir mal zu Gemüte führen.
 

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