Gleiches Gewebe- unterschiedliche Garnspinnrichtungen

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    • Gleiches Gewebe- unterschiedliche Garnspinnrichtungen

      Hier wieder einmal eine Frage an die Wissenden, ;)

      wenn es um Gewebe geht ist auch die Spinnrichtung der der Fäden oft angegeben.

      Macht sich das im fertigen Gewebe sichtbar bemerkbar z.B bei Wolle?

      Macht es sich noch anders bemerkbar z.B in der Festigkeit oder Flexibilität?

      Bei "glänzenden" Garnen könnte ich mir vorstellen das dann die reflektion des Lichtes anders ist.
    • Ja so ist es. Es gibt Gewebe die mit gleichfarbigen Garn in unterschiedlichen Richtungen verarbeitet wurden und zB ein Hahnentritt Muster sichtbar ist, nur durch den unterschiedlichen Lichteinfall.
      Das ist der eine Effekt.

      Der Andere ist, durch unterschiedliche Drehungen von Kette und Schussfaden, liegen die Einzelfasern alle in eine Richtung.
      mittelalterforum.com/gallery/i…hiedlicher-Spinnrichtung/
      (Quelle : mein Bild, meine Weberei)
      Durch diese Ausrichtung der Fasern, liegen sie eher nebeneinander, das macht das Gewebe glatter, als wenn die Fasern gegeneinander liegen und sich da durch aufstellen.

      Ein weiter Vorteil ist : die Garne wurden bis zum Hochmittelalter via Handspindel gesponnen. ( Im Hochmittelalter kam das Wollrad auf, mit dem minderwertigere lockere Garne für den Schuss gesponnen wurden.) Die per Handspindel gesponnen Garne hatten viel Drehung. Gewebe die aus genormten stark gedrehten Garnen gewebt werden, haben dan Drang sich schief zu ziehen. Garne unterschiedlicher Drehung liegen da gegen ausgewogener.
      Solche Stoffe haben eine ganz andere Haptik, sie sind fest und robust. (Frag mich bei der nächsten Messe danach, ich habe Fühlproben, dann kannst Du das mal testen.)

      Die heutigen Gewebe werden auf raffinierten Webstühlen hergestellt. Die mechanische Belastung ist geringer, und die Fäden müssen nicht mehr so stabil sein, wie damals.
      Viel Drehung heißt höhere Reißfestigkeit, und einen härteren/steiferen Faden.

      Und da ich eine Ahnung habe, welches Buch Du gerade liest : das Kreppgewebe des Hosenstoffs aus Haithabu ist mit "zuviel" Drehung gearbeitet. Der Faden will sich wie ein Telefonkabel zusammen ziehen und verursacht so den Kreppeffekt. Die frühen Gewebe verraten uns, das man sich schon beim Spinnen der Garne überlegt hat, welches Textil daraus entstehen soll.

      Mehr Bilder auf meinem Blog :
      zeitensprung-handweberei.de/20…ff-mantel-und-beinwickel/
      (Quelle: mein Blog )
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    • und wo ich mich jetzt schon in so nerdigen Themen ergossen habe :
      man kann den Faden natürlich nicht nur rechts oder links herum drehen sondern wie erwäht unterschiedlich stark. Dieser Winkel wird bei manchen Textilananlysen gemessen. Warum ? Weil man so ermitteln kann ob das Textil zusammen mit der Webdichte/Art eher ein Brett, den Griff einer Arbeitshose oder eines anschmiegsam weichen Gewebes hatte.

      Die Qualität eines Gewebes dieser Zeit hängt somit nicht nur von der Schafrasse ab, sondern beginnt schon bei der Gewinnung der Faser (man kann ein Schaf scheren oder en natürlich Fellwechsel nutzen und hat dann Fasern ohne Schnittkante) geht beim sortieren der Faser weiter und auch die Sorgfalt beim spinnen trägt dazu bei. Aber dennoch macht man aus einem rauhwolligen Moorschaf niemals ein spanisches Edelschaf.
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    • Liebe Silvia,

      vielen Dank für Deine ausführliche Antwort.
      Es geht zur Zeit nicht um ein Buch aber ich lesen immer wieder Veröffentlichungen und Fundbeschreibungen wie z.B. diese

      2_2_Herringbone_twill_fabrics_in_Early_M.pdf
      Quelle:
      No 4. A Stitch in Time: Essays in Honour of Lise Bender Jørgensen
      Gothenburg University, 2014

      Es gibt darin Hinweise über Web/Spinnarten und Tradionen wonach man auf die Herkunft der Tücher schließen kann.
      Nachdem was Du schreibst kann man dann auch auf die Qualität und die Dichte des Gewebes schließen.
      Ich finde es wichtig um auch der Frage nachzugehen warum etwas gehandelt wurde wenn man es in gleicher Qualität auch hätte selber herstellen können.
      Teilweise hat es funktioniert und Teilweise nicht.
      Entweder wegen der fehlenden Kenntnisse des Prozesses und/oder wegen fehlender passender Rohstoffe.

      Auf das Angebot der Stofff- Fühlprobe komme ich gerne zurück.
    • Bei ein und der selben Schafrasse kann auch noch die Region mitspielen. Deshalb sind isländische Garne etwa beliebt, weil bei den klimatischen Bedingungen das Fell wohl dichter und länger wächst als zB beim Schäfchen am Gnadenhof nahe der Autobahn in der windgeschützen Ecke.

      Und ja man vermutet das zum Beispiel die friesischen Tuche irgendein Geheinmis dieser Art hatten. Eine ganz besondere Qualität, dessen Machart man heute nicht mehr ergründen kann.
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